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Jahrescharts - Das Beste aus 2007: Plätze 09 - 02

02. TOCOTRONIC - kapitulation
Die endgültige Unterwerfung?
Wie darf man das verstehen? Dirk von Lowtzow hat dafür sicher wieder eine gut durchdachte Antwort parat. Um aber mal eine wenig von der bekannten Tocotronic-Art und Weise abzuweichen: Die Hamburger haben es geschafft, dass viele Menschen sich dieser Band endgültig unterworfen haben – nicht umsonst schaffte es Kapitulation in diverse Jahrescharts, teilweise bis ganz an die Spitze. Dass von Moses Schneider (Beatsteaks, Turbostaat) produzierte Album hat im Mittelteil zwar einen kleinen Durchhänger, dennoch sind die Songs überwiegend gelungen.
Das Spektrum reicht dabei von ruhigeren Stücken wie „Harmonie ist eine Strategie“ und „Imitationen“ bis hin zu schnellen Rocknummer a la „Sag alles ab“.
Im letztgenannten Song singt von Lowtzow „Du musst nie wieder in die Schule gehen“. Sicher, damit meint er eher Auflehnung, etwas Radikales, aber sehen wir es mal so: Wer nie wieder in die Schule geht, hat mehr Zeit, Tocotronic zu hören.
So bahnen sich Bands eben ihren Weg in die Pop Weekly-Jahrescharts.
Tim Kollande


03. BLACK REBEL MOTORCYCLE CLUB - baby 81

Die akustischen Gitarren wurden beiseite gelegt, der bluesige Folk und das nostalgische Americana-Flair ebenso.
Diese letztjährige Geburt des Lederjacken tragenden Clubs hatte es in sich: Eingängig und experimentell, knackig fordernde Hits für Zwischendurch ("Berlin", "Weapon Of Choice"...) und mahnende Mantra-Songs wie "American X", dass langsam aber sicher den riesigen psychedelischen Berg emporsteigt.
Diese Dualität stand und steht dem Baby und der Band immer noch außerordentlich gut zu Gesicht, die mit
BRMC konnten nach Howl und den letzten (spirituellen?) Erfahrungen nur an Stärke und an Charakter dazu gewinnen.
So gibt es neben den Fuzz-Gitarren, dem Dreck und den Effekten auch Platz für Zum-Fenster-Hinaus-Schauen ("Window) oder man lässt sich einfach den Wind durch die Frisur wehen ("Cold Wind"...)
So oder so, dieses Wunderkind hat einfach alles, was es braucht, um eine etablierte Band frisch und kraftvoll klingen zu lassen. Wie man es dreht und wendet: Baby 81 rockt.
Daniel Gilic



04. SPARTA - threes
Die alte Geschichte, wer kennt sie nicht: Jahrelange Konkurrenz mit der anderen Hälfte von At The Drive-In, The Mars Volta.
Qualitativ mussten Sparta immer den Kürzeren ziehen.
Threes machte damit endlich Schluss. Die vier Herrschaften, die sonst immer für ihre Unzugänglichkeit berühmt waren, trauten sich aus ihrer rauen Schale rauszuhüpfen und präsentieren auf ihrem dritten Album einen ungewöhnlichen runden Sound. Klingt danach, als hätten Sparta endlich ihr eigenes Ding gefunden und auch durchgezogen. Trotzdem noch mit unendlich vielen Ecken und Kanten bestückt, tänzelt die Musik gefühlvoll und melodiös zugleich. Wegen dem ständigen Laut-Leise-Kontrast, welcher den eigenwilligen Sound deutlich auszeichnet, sind anfänglich zwar kaum Unterschiede zu älteren Platten des Quartetts rauszuhören, jedoch waren hier in diesem Falle Entwicklungen in riesengroßen Schritten vorangegangen. Die wunderbare erste Singleauskopplung „Taking Back Control“ zeigt in gewollter Sparta-Manier wie viel Power in Jim Ward und seinen Kollegen (+ neuem Gitarristen!) steckt und beispielsweise auch „Most Vicious Crime“ überzeugen vollkommen.
Den Hang zum Pop zeigen Sparta bei „Erase It Again“ und auch bei „Atlas“ , dass wundervoll atmosphärisch klingt, fast schon romantisch.
Großartige Musik mit kraftvollen Melodien für Regentänze oder wütende Eskapaden. Sparta beweisen vor allem gesanglich, dass sie diesmal mehr auf dem Kasten haben und endgütlich aus dem Schatten von Mars Volta gesprungen sind.
Sparta würden ja nicht Sparta heißen, wenn sie keine Kämpfer wären.
Ruth Glaser

 

05. OKKERVIL RIVER - the stage names
Alternative Musik machen ohne in den Mainstream zu geraten, ist heute sehr schwer.
Okkervil River ist dies gelungen. EMI zeigte kein Interesse an der Veröffentlichung von The Stage Names und bringen sich damit um die Ehre, eines der besten Alben des Jahres herausgebracht zu haben. Selbst schuld, wenn einem eine unkonventionelle Mischung aus Folk, Country und Indie-Rock nicht ins Konzept passt. Mal hört man Rock („Our Life Is Not A Movie Or Maybe“...), Swing („A Hand To Take Hold Of The Scene“...) oder traurige Balladen („Savannah Smiles“...).
Minimalistisch, melancholisch, The Stage Names ist eine Platte für einen einsamen Regentag, „Beschwingte Depression “ hat man im Zusammenhang der Platte schon vernommen. Manch einer mag mit der Stimme Will Sheffs nicht zurechtkommen. Diese ist außergewöhnlich wie die Musik: Hoch, aber kraftvoll und melodienverliebt. Höhepunkt erlebt die Platte mit dem letzten Stück „John Allyn Smith Sails“, der charakteristisch für das Album wie sonst kein Song ist. Eine triste Stimmung anfangs verwandelt sich unbemerkt in einen orchestralen Klang, noch einmal wird alles gezeigt, was auf dem Album zum Einsatz kam, von Bläsern bis zum allgegenwärtigen stampfendem Schlagzeug.
Platz 4 in den Jahrescharts 2007 für so viel Vielseitigkeit.
Jan Gerngross

 

06. ARCADE FIRE - neon bible
„Not much chance for survival if the Neon Bible is right“ - sind Arcade Fire nun auf Missionierungskurs?
Noch diejenigen für sich gewinnen, an denen Funeral vorbeigegangen ist? Jedenfalls hat es funktioniert, eindrucksvoll belegt durch Platz 6 in den Jahrescharts.
Arcade Fire setzten die Bibel ins Neonlicht und heraus kam ein dunkel gewandtes, Schicksale in düsteres Licht rückendes, elementare Fragen des Lebens thematisierendes Meisterwerk.
Durch dunkle Abgründe streifend, aber nie den süßen Klang der Zuversicht ausblendend, pathetisch, aber von Grund auf ehrlich. Orgel, Orchester und chorale Gesänge sorgen für einen pompösen Eindruck. All das erinnert zwangsläufig an Kirche, Religion und das Buch aller Bücher.
Aus der Reihe purzeln „Keep The Car Running“ und „No Cars Go“ als Hits für Zwischendurch, in denen noch der Hauch von Funeral mitschwingt, die restlichen Songs fahren die mal mehr, mal weniger imposante Schiene. Wie die Bibel, so wirft auch Neon Bible Rätsel auf, stellt Fragen, auf die sich keine allgemeingültige Antwort finden lassen, und berührt dennoch einen jeden Hörer auf die eine oder andere Weise, mit dem einen oder anderen Song, ob es nun kalte Schauer sind die einem über den Rücken laufen, eine nicht greifbare Traurigkeit oder ein wohliges Gefühl von Geborgenheit, das Album geht unter die Haut.
Ann-Kathrin Otte

 

07. TWO GALLANTS - s/t
Alle Guten Dinge sind Drei.
Kann man sehen wie man will, aber bei den Two Gallants trifft es zu. Soll nicht heißen, dass Platten wie What The Toll Tells oder The Scenery Of Farewell nicht gut wären, sondern viel mehr, dass auch das selbstbetitelte dritte Album der Band schlicht und ergreifend die dritte gute Veröffentlichung ist.
Was hier abgeliefert wurde, ist wunderbar melancholisch, ruhig und auch impulsiv.
Die Songs wirken durchdachter, klarer strukturiert und die Instrumentierung schlägt eine gelungene Brücke zwischen Antiquitätenhändler und Elektrofachverkäufer.
Im Endeffekt ist es also keine Überraschung, dass sich Two Gallants irgendwie in die Jahrescharts poltern konnten.
Tim Kollande



08. BLOC PARTY - a weekend in the city
Ein Album mit zwei Seelen haben Bloc Party mit ihrem Zweitwerk A Weekend In The City aufgenommen.
Die eine Hälfte gab sich in ihrem Drang wütend und sprach Themen an, die lange nicht mehr in der Popkultur angesprochen und aufgegriffen wurden. Voller Zorn und Gerechtigkeit thematisierte die Band von vorherrschenden Rassismus in UK, die Multikulti-Kultur, die Terror-Anschläge und die Drogenkultur in der Szene der Jugend.
Die andere, sensible Münze der Medaille behandelte den persönlichen Zerfall, die eigenen Dramen um Leben, Liebe und Leiden.
Dazu schneiderte Jacknife Lee ein Produzenten-Korsett, dem viele nach und nach folgenden sollten (wie die Editors z.B.). Sphärisch, Schicht um Schicht aufeinandergelegt, dabei doch noch tanzbar und dringlich wie man es vom Debüt kennt und schätzen gelernt hat.
Dazu textete sich Frontmann Kele Okereke den Frust aus dem Leib, in all seinen unschönen Facetten.
Dies war kein Wochenende voller Alkohol, Spaß und zügellosem Ich-Dasein. Bloc Party wurden und waren auf einmal politisch.
Damit stachen sie aus der Masse hervor und konnten vielerlei Gruppen weit hinter sich lassen.
Daniel Gilic

 

09. BAND OF HORSES - cease to begin
Die Band, die sich Pferd nannte?
Auch wenn der Name etwas gewöhnungsbedürftig ist, stecken drei überaus talentierte Amerikaner dahinter, die im November 2007 ihr erst zweites Album Cease To Begin aus den Ärmeln schüttelten. Dank einer gekonnten Mischung aus Rock, Pop und Folk, sowie dem schaurigen Herbst, konnten sie sich in unsere Herzen kuscheln.
Der hallende Opener „Is There A Ghost“ kann sich durch seine gesangliche und textliche Eingängigkeit als Herzstück des Albums etablieren und schlägt im groben Vergleich zu den restlichen Songs relativ laute Töne an. Auch die darauffolgenden Stücke bringen Gefühle ins Wallen, von denen wohl nicht mal der Hartgesottenste geträumt hätte. Traurig, vor Schönheit strotzend, folgt Song für Song, jeder einzelne mit viel Pathos und auf Grund der einzigartigen Stimme von Ben Bridwell auch mit jeder Menge Drama. Nicht jedoch auf weinerliche Art und Weise, wie wir es schon vom Emo-Geschrammel kennen, sondern um Emotionen herbeizuführen, die jenseits von Gut und Böse liegen.
So ist das wenn man im Bett liegt und über die Ewigkeit und die menschliche Existenz grübelt.
Und genau deshalb zählt Cease To Begin auch zu den besten Platten, die das gut bestückte Jahr 2007 so zu bieten hatte. Wir können also definitiv noch viel von dieser jungen Band erwarten, denn sowohl textlich und musikalisch verzaubern Band of Horses auf höchstem Niveau mit vielen versteckten Hits, kraftvollen Refrains und stürmenden Gitarren ohne niemals zu laut zu werden. Und das gefällt.
Ruth Glaser

26.4.08 12:48
 


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