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Musik aktuell

Jahrescharts - Das Beste aus 2007: Platz 01

01. INTERPOL - our love to admire

Interpol gingen 2007 auf eine überraschende Safarifahrt und nahmen damit ebenfalls unerwartet die Spitze unserer Jahrescharts.
Wie sie das geschafft haben? Sie haben es sich und uns einfacher gemacht als auf dem Vorgänger Antics, dass einem die kalte Schulter zeigte bevor man sich in das Album verliebte.
Auf Our Love To Admire tummeln sich genug Hits und aufregendes Songmaterial, um die Reise so schmackhaft wie möglich zu gestalten.
Daniel Gilic

Dass man lange braucht, um mit dem kalten Sound von Interpol warm zu werden, wird wohl keiner bestreiten.
Bis zum letzten Jahr konnte ich Interpol erfolgreich ignorieren. Bis Our Love To Admire erschien, mit diesem so provokant zur Musik unpassendem Cover, was mich letztendlich aufhorchen ließ, wie viele andere auch, die Masse entdeckte Interpol (Majoslabel... jaja). Perfektionistisch ist diese CD, aber nicht hochglanzpoliert wie man es bei den Killers kritisieren konnte.
Atmosphärisch wie kaum eine Platte in diesem Jahr, zudem ist „Pioneer To The Falls“ der vielleicht beste Interpol-Song bisher. Gleichwohl meine persönliche Nummer 1 im letzten Jahr ein anderes Album ist, haben sich Interpol den ersten Platz verdient.
Jan Gerngross



Interpol haben gewonnen.
Also kniet nieder. Keine andere Band zeigte 2007 mehr Stolz, Leidenschaft und musikalische Intensität wie die New Yorker Combo mit Our Love To Admire, welche 3 Jahre zuvor schon mit Antics auf sich aufmerksam machte.
„The soul can wait“, jene kurze Zeile, die im Opener „Poineer To The Falls“ wie Klebstoff hängen bleibt und die markanten, dezent verstört klingenden Gitarren, aus denen Tagträume gemacht werden, geben Preis, dass Interpol weder auf hingewichstes Songwriting noch auf selbstverliebte Lyrik bedacht nehmen.
Die zeitlose Stimme von Paul Banks, die schaurig-schönen Keyboardeinlagen, auf denen besonders auf dieser Platte äußerst viel Wert gelegt wurde, sowie der führende Bass, der vor allem auf dem schwungvollen „The Heinrich Maneuver“ zur Geltung kommt, untermalen die Schwerelosigkeit der Songs.
Auch wenn das ganze Album melodramatisch und von dunklen Wolken umgeben ist, lassen Interpol Freiraum für unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten ihrer elf kleinen Meisterwerke, die grundsätzlich autobiographisch und gut ausgetüftelt sind. Denn auch wenn es bei Interpol permanent nur regnet, das Gemüt schwärzer als die Nacht scheint und alle verlorenen Seelen hoffnungslos dahinscheiden, irgendwann geht die Sonne schon noch auf.
Ruth Glaser



„Babe, it’s time we give something new a try“ – das Keyboard wäre eine der Innovationen, das so manchen Song auf Our Love To Admire mehr Schwung verleiht, aber da findet man auch die liebgewonnen gewohnten Merkmale der Band wie den dunklen Gesang Paul Banks‘ und dem gerade bei der Single „The Heinrich Maneuver“ so genialen Bassläufen Carlos Denglers.
Durch die stets schwermütige Atmosphäre der Songs schimmern hier und da schmale Streifen freundlicherer Stimmung, vielleicht macht gerade das Our Love To Admire zum Top-Album 2007, weil 2007 zumindest wettertechnisch eben genau so war.
Vielleicht liegt es aber auch an großartigen Songs wie dem Opener „Pioneer To The Falls“ oder persönlichen Favoriten wie „No I In Threesome“.
Ann-Kathrin Otte



Was haben Interpol denn alles richtig gemacht, um so weit oben in den Jahrescharts zu stehen? Alles? Scheinbar.
Mit ihrem Majorlabel-Debüt bewegten sie sich in eine Richtung, die andere Bands manchmal vermissen lassen, nämlich in die eigene. Große Überraschungen blieben zwar aus, dennoch haben Interpol es geschafft, ihren Sound auch auf ihrem dritten Album zu halten und weiter auszuschmücken.
Bläser, Keyboards oder Chöre sind zu hören und verschmelzen nahezu perfekt mit dem gewohnt melancholoisch-düsteren Sound der Band.
Wer letztes Jahr dieses Album kaufte, hat nichts falsch gemacht, genau, wie die Band selbst.
Tim Kollande

26.4.08 12:53


Jahrescharts - Das Beste aus 2007: Plätze 09 - 02

02. TOCOTRONIC - kapitulation
Die endgültige Unterwerfung?
Wie darf man das verstehen? Dirk von Lowtzow hat dafür sicher wieder eine gut durchdachte Antwort parat. Um aber mal eine wenig von der bekannten Tocotronic-Art und Weise abzuweichen: Die Hamburger haben es geschafft, dass viele Menschen sich dieser Band endgültig unterworfen haben – nicht umsonst schaffte es Kapitulation in diverse Jahrescharts, teilweise bis ganz an die Spitze. Dass von Moses Schneider (Beatsteaks, Turbostaat) produzierte Album hat im Mittelteil zwar einen kleinen Durchhänger, dennoch sind die Songs überwiegend gelungen.
Das Spektrum reicht dabei von ruhigeren Stücken wie „Harmonie ist eine Strategie“ und „Imitationen“ bis hin zu schnellen Rocknummer a la „Sag alles ab“.
Im letztgenannten Song singt von Lowtzow „Du musst nie wieder in die Schule gehen“. Sicher, damit meint er eher Auflehnung, etwas Radikales, aber sehen wir es mal so: Wer nie wieder in die Schule geht, hat mehr Zeit, Tocotronic zu hören.
So bahnen sich Bands eben ihren Weg in die Pop Weekly-Jahrescharts.
Tim Kollande


03. BLACK REBEL MOTORCYCLE CLUB - baby 81

Die akustischen Gitarren wurden beiseite gelegt, der bluesige Folk und das nostalgische Americana-Flair ebenso.
Diese letztjährige Geburt des Lederjacken tragenden Clubs hatte es in sich: Eingängig und experimentell, knackig fordernde Hits für Zwischendurch ("Berlin", "Weapon Of Choice"...) und mahnende Mantra-Songs wie "American X", dass langsam aber sicher den riesigen psychedelischen Berg emporsteigt.
Diese Dualität stand und steht dem Baby und der Band immer noch außerordentlich gut zu Gesicht, die mit
BRMC konnten nach Howl und den letzten (spirituellen?) Erfahrungen nur an Stärke und an Charakter dazu gewinnen.
So gibt es neben den Fuzz-Gitarren, dem Dreck und den Effekten auch Platz für Zum-Fenster-Hinaus-Schauen ("Window) oder man lässt sich einfach den Wind durch die Frisur wehen ("Cold Wind"...)
So oder so, dieses Wunderkind hat einfach alles, was es braucht, um eine etablierte Band frisch und kraftvoll klingen zu lassen. Wie man es dreht und wendet: Baby 81 rockt.
Daniel Gilic



04. SPARTA - threes
Die alte Geschichte, wer kennt sie nicht: Jahrelange Konkurrenz mit der anderen Hälfte von At The Drive-In, The Mars Volta.
Qualitativ mussten Sparta immer den Kürzeren ziehen.
Threes machte damit endlich Schluss. Die vier Herrschaften, die sonst immer für ihre Unzugänglichkeit berühmt waren, trauten sich aus ihrer rauen Schale rauszuhüpfen und präsentieren auf ihrem dritten Album einen ungewöhnlichen runden Sound. Klingt danach, als hätten Sparta endlich ihr eigenes Ding gefunden und auch durchgezogen. Trotzdem noch mit unendlich vielen Ecken und Kanten bestückt, tänzelt die Musik gefühlvoll und melodiös zugleich. Wegen dem ständigen Laut-Leise-Kontrast, welcher den eigenwilligen Sound deutlich auszeichnet, sind anfänglich zwar kaum Unterschiede zu älteren Platten des Quartetts rauszuhören, jedoch waren hier in diesem Falle Entwicklungen in riesengroßen Schritten vorangegangen. Die wunderbare erste Singleauskopplung „Taking Back Control“ zeigt in gewollter Sparta-Manier wie viel Power in Jim Ward und seinen Kollegen (+ neuem Gitarristen!) steckt und beispielsweise auch „Most Vicious Crime“ überzeugen vollkommen.
Den Hang zum Pop zeigen Sparta bei „Erase It Again“ und auch bei „Atlas“ , dass wundervoll atmosphärisch klingt, fast schon romantisch.
Großartige Musik mit kraftvollen Melodien für Regentänze oder wütende Eskapaden. Sparta beweisen vor allem gesanglich, dass sie diesmal mehr auf dem Kasten haben und endgütlich aus dem Schatten von Mars Volta gesprungen sind.
Sparta würden ja nicht Sparta heißen, wenn sie keine Kämpfer wären.
Ruth Glaser

 

05. OKKERVIL RIVER - the stage names
Alternative Musik machen ohne in den Mainstream zu geraten, ist heute sehr schwer.
Okkervil River ist dies gelungen. EMI zeigte kein Interesse an der Veröffentlichung von The Stage Names und bringen sich damit um die Ehre, eines der besten Alben des Jahres herausgebracht zu haben. Selbst schuld, wenn einem eine unkonventionelle Mischung aus Folk, Country und Indie-Rock nicht ins Konzept passt. Mal hört man Rock („Our Life Is Not A Movie Or Maybe“...), Swing („A Hand To Take Hold Of The Scene“...) oder traurige Balladen („Savannah Smiles“...).
Minimalistisch, melancholisch, The Stage Names ist eine Platte für einen einsamen Regentag, „Beschwingte Depression “ hat man im Zusammenhang der Platte schon vernommen. Manch einer mag mit der Stimme Will Sheffs nicht zurechtkommen. Diese ist außergewöhnlich wie die Musik: Hoch, aber kraftvoll und melodienverliebt. Höhepunkt erlebt die Platte mit dem letzten Stück „John Allyn Smith Sails“, der charakteristisch für das Album wie sonst kein Song ist. Eine triste Stimmung anfangs verwandelt sich unbemerkt in einen orchestralen Klang, noch einmal wird alles gezeigt, was auf dem Album zum Einsatz kam, von Bläsern bis zum allgegenwärtigen stampfendem Schlagzeug.
Platz 4 in den Jahrescharts 2007 für so viel Vielseitigkeit.
Jan Gerngross

 

06. ARCADE FIRE - neon bible
„Not much chance for survival if the Neon Bible is right“ - sind Arcade Fire nun auf Missionierungskurs?
Noch diejenigen für sich gewinnen, an denen Funeral vorbeigegangen ist? Jedenfalls hat es funktioniert, eindrucksvoll belegt durch Platz 6 in den Jahrescharts.
Arcade Fire setzten die Bibel ins Neonlicht und heraus kam ein dunkel gewandtes, Schicksale in düsteres Licht rückendes, elementare Fragen des Lebens thematisierendes Meisterwerk.
Durch dunkle Abgründe streifend, aber nie den süßen Klang der Zuversicht ausblendend, pathetisch, aber von Grund auf ehrlich. Orgel, Orchester und chorale Gesänge sorgen für einen pompösen Eindruck. All das erinnert zwangsläufig an Kirche, Religion und das Buch aller Bücher.
Aus der Reihe purzeln „Keep The Car Running“ und „No Cars Go“ als Hits für Zwischendurch, in denen noch der Hauch von Funeral mitschwingt, die restlichen Songs fahren die mal mehr, mal weniger imposante Schiene. Wie die Bibel, so wirft auch Neon Bible Rätsel auf, stellt Fragen, auf die sich keine allgemeingültige Antwort finden lassen, und berührt dennoch einen jeden Hörer auf die eine oder andere Weise, mit dem einen oder anderen Song, ob es nun kalte Schauer sind die einem über den Rücken laufen, eine nicht greifbare Traurigkeit oder ein wohliges Gefühl von Geborgenheit, das Album geht unter die Haut.
Ann-Kathrin Otte

 

07. TWO GALLANTS - s/t
Alle Guten Dinge sind Drei.
Kann man sehen wie man will, aber bei den Two Gallants trifft es zu. Soll nicht heißen, dass Platten wie What The Toll Tells oder The Scenery Of Farewell nicht gut wären, sondern viel mehr, dass auch das selbstbetitelte dritte Album der Band schlicht und ergreifend die dritte gute Veröffentlichung ist.
Was hier abgeliefert wurde, ist wunderbar melancholisch, ruhig und auch impulsiv.
Die Songs wirken durchdachter, klarer strukturiert und die Instrumentierung schlägt eine gelungene Brücke zwischen Antiquitätenhändler und Elektrofachverkäufer.
Im Endeffekt ist es also keine Überraschung, dass sich Two Gallants irgendwie in die Jahrescharts poltern konnten.
Tim Kollande



08. BLOC PARTY - a weekend in the city
Ein Album mit zwei Seelen haben Bloc Party mit ihrem Zweitwerk A Weekend In The City aufgenommen.
Die eine Hälfte gab sich in ihrem Drang wütend und sprach Themen an, die lange nicht mehr in der Popkultur angesprochen und aufgegriffen wurden. Voller Zorn und Gerechtigkeit thematisierte die Band von vorherrschenden Rassismus in UK, die Multikulti-Kultur, die Terror-Anschläge und die Drogenkultur in der Szene der Jugend.
Die andere, sensible Münze der Medaille behandelte den persönlichen Zerfall, die eigenen Dramen um Leben, Liebe und Leiden.
Dazu schneiderte Jacknife Lee ein Produzenten-Korsett, dem viele nach und nach folgenden sollten (wie die Editors z.B.). Sphärisch, Schicht um Schicht aufeinandergelegt, dabei doch noch tanzbar und dringlich wie man es vom Debüt kennt und schätzen gelernt hat.
Dazu textete sich Frontmann Kele Okereke den Frust aus dem Leib, in all seinen unschönen Facetten.
Dies war kein Wochenende voller Alkohol, Spaß und zügellosem Ich-Dasein. Bloc Party wurden und waren auf einmal politisch.
Damit stachen sie aus der Masse hervor und konnten vielerlei Gruppen weit hinter sich lassen.
Daniel Gilic

 

09. BAND OF HORSES - cease to begin
Die Band, die sich Pferd nannte?
Auch wenn der Name etwas gewöhnungsbedürftig ist, stecken drei überaus talentierte Amerikaner dahinter, die im November 2007 ihr erst zweites Album Cease To Begin aus den Ärmeln schüttelten. Dank einer gekonnten Mischung aus Rock, Pop und Folk, sowie dem schaurigen Herbst, konnten sie sich in unsere Herzen kuscheln.
Der hallende Opener „Is There A Ghost“ kann sich durch seine gesangliche und textliche Eingängigkeit als Herzstück des Albums etablieren und schlägt im groben Vergleich zu den restlichen Songs relativ laute Töne an. Auch die darauffolgenden Stücke bringen Gefühle ins Wallen, von denen wohl nicht mal der Hartgesottenste geträumt hätte. Traurig, vor Schönheit strotzend, folgt Song für Song, jeder einzelne mit viel Pathos und auf Grund der einzigartigen Stimme von Ben Bridwell auch mit jeder Menge Drama. Nicht jedoch auf weinerliche Art und Weise, wie wir es schon vom Emo-Geschrammel kennen, sondern um Emotionen herbeizuführen, die jenseits von Gut und Böse liegen.
So ist das wenn man im Bett liegt und über die Ewigkeit und die menschliche Existenz grübelt.
Und genau deshalb zählt Cease To Begin auch zu den besten Platten, die das gut bestückte Jahr 2007 so zu bieten hatte. Wir können also definitiv noch viel von dieser jungen Band erwarten, denn sowohl textlich und musikalisch verzaubern Band of Horses auf höchstem Niveau mit vielen versteckten Hits, kraftvollen Refrains und stürmenden Gitarren ohne niemals zu laut zu werden. Und das gefällt.
Ruth Glaser

26.4.08 12:48


Jahrescharts - Das Beste aus 2007: Plätze 19 - 10

10. KINGS OF LEON - because of the times
Weg mit der Hektik, sagten sich die Kings Of Leon. Gleich der sich Zeit lassende Opener von Because Of The Times, "Knocked Up", schiebt die Hast und die Eile beiseite und wandelt gemäßigt aber immer sattelfest mit dem Ziel in den Augen voran. Und wie er das tut.
Die Hitze der Südstaaten ist hier spürbar und macht auch die ungewöhnliche Aura dieses Albums aus. Der provisorische Schaukelstuhl und die Veranda gehören quasi schon mit dazu im Repertoire.
Rau, teilweise verspielt und die Kanten nicht geglättet, wissen die die Followil-Brüder + Cousin ihre Häupter noch immer zu schütteln. Dazu dienen wilde Rockern wie "Black Thumbnail" oder "McFearless".
Dass die unwiderstehliche Single "On Call" nicht mal über einen eigentlichen Refrain verfügt, trotzdem aber die Glühbirnen zum Bersten bringt, spricht für sich.
Die Kings Of Leon wollen mit dem nächsten Album eine "Wham-Platte" machen, was auch immer damit gemeint sein möchte.
Wir warten dann schonmal gespannt.
Daniel Gilic

 

11. PORTUGAL. THE MAN - church mouth
Was ist schon Indie? Heutzutage wird dieses Genre immer öfters von Musikern als blöder Modebegriff für eingängige Musik gehandhabt.
Portugal. The Man und ihr zweites Album Church Mouth lassen sich aus diesem Pool aus Langeweilern rausfischen. Nach ihrem Debüt Waiter: You Vultures! fanden sich darauf nagelneue sperrige Songs mit eingängigen Beats und zuckersüßen Melodien. Besonders anschaulich ist vor allem, dass die aus Alaska stammende Band sich auf keine bestimmte Stilrichtung festsetzt, anti- grenzsetzend sozusagen. Ob Bluesrock, Einflüsse des glorreichen Sechziger-Rocks wie Led Zeppelin oder The Doors, Post-Rock oder gar Soul und Funk, alles dabei was das Musikherz höher schlagen lässt. Man fühlt sich wie vor einem riesengroßen Buffet, mit pumpendem Bass, schrägen Gitarren und der entspannten Stimme von Sänger John Gourley.
Portugal. The Man, die Schneemann-Band aus dem hohen Norden Amerikas, stellt klar: Um in der Musikbranche präsent zu bleiben und sich Respekt zu verdienen, muss man die musikalische Messlatte hoch genug setzen, ohne sich Grenzen zu setzen.die Gattungstechnisch wird nichts ausgelassen. Innerhalb von nur zwei Jahren gleich einen musikalischen Jackpot zu erreichen, mögen nur wenige von sich behaupten können. Auch wenn die Sonne momentan nicht lacht, dieses Album tut es alle mal.
Wir freuen uns schon auf den 3. Streich!
Ruth Glaser

 

12. THE COOPER TEMPLE CLAUSE - make this your own
Aller guten Dinge sind drei. So schließt sich trauriger Weise auch das Kapitel Cooper Tempel Clause. Ganz im Sinne des Drei-Schritte-zum-Erfolg-Konzepts ist ihr drittes Album am mainstreamfreundlichsten und leider auch ihr letztes.
Musikalisch an sich gar nicht so tragisch, nur dass eben etwas fehlt. Dieser bunte Strauß aus Rockmusik scheint nicht aus den Händen der Coopers zu kommen, zu geschliffen und geleckt klingt was da aus den Boxen schallt. Drei Frontsänger tragen zur Vielfältigkeit des Albums bei und genau hier die Stärke des Albums – in seiner bunten Mischung und dem Abwechslungsreichtum. Die ersten zwei Songs verfolgen noch den Stil der Vorgängeralben, harte Gitarren, ein Hauch Aggressivität, aber eben jene ist leider zu großen Teilen verloren gegangen.
Das Album driftet beständig in Richtung Pop ab – ohne Frage leistet die Band auch in diesen Gefilden Großartiges, trotz ziemlich glatter Produktion kann die Band auch mit dieser Art von Musik mitreißen.
Ann Kathrin-Otte

 

13. AEREOGRAMME - my heart has a wish that you would not go
Obwohl der Titel den schmerzhaften Verlust nicht wahrhaben will und nicht loslassen will, so kommt er doch: Der Abschied, der Rückzug. Und zwar wörtlich:
Aereogramme warfen das Handtuch und lösten sich im letzten Jahr auf. Ihr Vermächtnis bleibt dieses letzte Album, dass anders klingt als die Vorgänger, aber trotzdem im Stande war zu berühren. Sänger und Mastermind Craig B. musste im Vorfeld der Albumaufnahmen mit Stimmproblemen kämpfen. Deshalb findet sich auf diesem Werk auch keine Wutausbrüche (mehr). Er musste lernen, mit seiner Stimme sparsam umzugehen, sie nicht überzustrapazieren.
An abwechslungsreichen Songmaterial fehlt es trotzdem nicht, das Ruhe und Sturm schonmal in nur einem Song in Angriff nahm (A Life Worth Living). Dazu gab es zuckersüße Pianoballaden (Barriers) sowie Episches und Progressives (Finding A Light).
Der tollen Atmosphäre, die nicht schwer ist trotz aller Bürde, tut das keinen Abbruch.
Wir werden sie vermissen.
Daniel Gilic

 

14. THE WEAKERTHANS - reunion tour
Oh Ontario, oh Jennifer Jason Leigh!
Wieder einmal ein schönes Album der kanadischen Band, welches in seiner Klasse nahtlos an Left And Leaving und Reconstruction Site anschließen sollte.
Klar, so ein Werk wir Left And Leaving übertreffen wird schwer, aber eine Entwicklung fortzuführen gelang den Kanadiern hier ohne Frage. Zwar fehlen vielleicht hier und da die großen Wagnisse und Experimente, dennoch bleiben Songs wie "Civil Twilight" im Ohr. Was wohl auch darauf zurückzuführen ist, dass der gewohnte herzerwärmende Sound der Weakerthans immer noch irgendwie zu fesseln weiß.
Die Mischung von angenehmer Gitarrenmusik und poppigem Indierock besticht durch interessante Lyrics und die wohltuende Portion Weakerthans.
Wie schon erwähnt: Das Album ist vielleicht nicht „das“ große Album in der Discographie der Band, trotzdem aber noch alles andere als Standardkost.
Tim Kollande

 

15. QUEENS OF THE STONE AGE - era vulgaris
Es quietscht, es fiept, es windet sich und streckt sich in allen Richtungen - oder dagegen.
Josh Homme lässt die Gitarre wieder ordentlich knarren und dröhnen. Era Vulgaris ist in seiner räudigen und verspielten Gesamtheit trotzdem kompakt in sich geschlossen, obwohl manche Songs gegen diese Enge und Limitierung ankämpfen und gerade dadurch so herrlich trocken ausgefallen sind.
Ein schwer zu bändigendes Ungetüm, dass viele Fans und Kritiker zufrieden stellen konnte als es noch der Vorgänger Lullabies To Paralyze konnte, der eigentlich auch keineswegs ein schlechter Vorgänger war.
Doch diese selbst ausgerufene Zeitepoche passt besser zu Homme und seinen Mannen, greift vorteilhafter in sich zusammen und hat natürlich eine Menge an Hits zu bieten, wie man das von den Queens kennt.
Nick Oliveri vermisst man indes immer weniger...
Daniel Gilic

 

16. THE DECEMBERISTS - the crane wife
Oh please tell me some fairytales! Wer auf Märchen steht ist mit dem vierten Album der Decemberists wunderbar bedient, denn Märchen sind das Konzept des Albums.
Im Mittelpunkt: Die traurige japanische Sage der Kranichfrau, vertont in drei Akten und mit der Hingabe und Leidenschaft eines Geschichtenerzählers. Die anderen Erzählungen sind nicht weniger fantastisch und fantasiereich.
Ob Romeo-und-Julia-Romanzen, Bürgerkriege oder Seefahrten, alle möglichen abstrusen Gestalten tummeln sich in den Lyrics. Musikalisch reihen sie eine wunderbare Melodie an die andere. Indie-Folk mit mit Melancholie und Unbeschwerlichkeit und liebevollen Details wie Spieluhrklängen.
Obwohl das Album zwischenzeitlich einbricht, finden die Decemberists den Weg doch noch heraus. Mit The Crane Wife deckt die Band ein weiten Bereich an Stilrichtungen ab, Mit Prog-Parts, melodischen Gitarrenläufen oder auch mit hart hämmernden Klängen deckt die Band einen weiten Bereich an Stilrichtungen ab, und gerade mit den fröhlichen Melodien reißt The Crane Wife einen in tiefe Traurigkeit.
Ann-Kathrin Otte

 

17. THE TWILIGHT SAD - fourteen autumns and fifteen winters
Schottischer Charme. Das ist es was diese Platte vor allem ausstrahlt, was aber wiederum nicht nur an Sänger James Graham liegt, sondern auch an vielen Aspekten, die man für gewöhnlich mit Schottland assoziiert und die sich hier in der Musik widerspiegeln – rau uns zum Teil widerspenstig.
Gegen die Melodik des Gesangs stellen die vier Jungs aus Glasgow massive Gitarrenwände, ein bisschen lärmig, verzerrt und schroff, ziemlich rockig, hin und wieder jedoch etwas ausschweifend. Doch ihr recht eintöniges Grundmotiv aus wummernden Gitarren und militärischen Schlagzeuggetrommel versteht die Band auf unterschiedlichste Arten aufzupeppen, sie es mit metallischem Klaviergeklimper, mit dem Akkordeon oder eben mit diesem wundervollen, unverkennbaren Gesang. Vergleicht also die Musik des schottischen Quartetts mit der Landschaft Schottlands, so lassen sich einige Parallelen finden, zwischen schroffen, unbezwingbarer Felsen und Klippen findet man immer wieder grüne, lebendige Landstriche, musikalisch bäumen sich die zum Teil beklemmenden Gitarrenwänden vor dem Hörer auf, doch hier und da blitzen auch die melodischen Momente durch.
The Twilight Sad haben es geschafft ihren Lebensraum zu vertonen.
Ann-Kathrin Otte


18. A WHISPER IN THE NOISE - dry land

In der Ruhe liegt Magie.
Eines der außergewöhnlichsten Alben präsentierte uns der Amerikaner West Thordson im letzten Jahr.
Einsamkeit und Leere strahlte es aus, Geborgenheit und Schutz suchte Dry Land aber dennoch. Dazu eine Produktion, die knistert wie ein knarziger Boden eines alten verlassenen Hauses mit einer dekadenreichen Vorgeschichte.
Jeder Tropfen von der Decke scheint in das Soundgewand der Platte hineingerutscht zu sein. Das Wasser dröhnt leise durch die alten Rohre einer verlassenen Schule, in der Thordson sein ungewöhnliches Domizil aufgeschlagen hat.
Dry Land ist Zeuge davon und gerade dies kurbelt die Faszination für dieses Werk weiter an.
Malerische Pianomelodien, ruhiger oder ruppiger Gesang, ausbruchsuchende Geigentupfer.
Unheimlich und in den Bann ziehend.
Daniel Gilic

 

19. NINE INCH NAILS - year zero
Trent Reznor ist zum verlässlichen Arbeitstier mutiert. Verstörte er früher das Gemüt mit alle 5 Jahre mal erscheinenden Alben, so ist der Vorlauf nun geringer.
Nach dem zugänglicheren, dem Song-Format auf die Spur folgenden With Teeth, begibt sich Year Zero in das Jahr Null, wo das Ende der Welt vor der Tür lauert.
Ein ziemlich ausgelügeltes Konzept, das sowohl mit viralem Marketing von sich reden machte, und auch musikalisch schielte Reznor mehr zu epischen Monumentalwerken wie The Fragile.
Year Zero vermochte es, die kurzweilig abgeneigten Fans wieder zu versöhnen und mit starken Songs zu fesseln.
Nine Inch Nails bleiben aktiv.
Die Batterien sind nicht leer, die Nägel spitz und scharf wie eh und je.
Daniel Gilic

8.4.08 12:10


Jahrescharts - Das Beste aus 2007: Plätze 29 - 20

20. AMY WINEHOUSE - back to black
Die neugeborene Souldiva, die den Schmutz, das Drama und die Unberechenbarkeit wieder in den Pop brachte. Amy Winehouse, die beim Zähneputzen mit Whiskey gurgelt und in ihren hochgestecken Turm-zu-Babel-Frisuren Drogen versteckt. Was mussten wir alles über sie lesen. Exzesse ohne Ende, seltsame Auftritte, Schlägerein mit ihrem Liebsten.
Es war zu viel. Doch trotzdem blieb der ehrliche, funk-durchzogene Pop der Winehouse unbeschadet, oder wurde noch stärker.
Sie sang ohne Hemmungen über ihre Laster, spielte ihre angeknickten Karten offen aus und warf dem Hörer das zerbrochene Herz vor die Füße.
Nichts scheint erfungen oder gelogen, und jeder konnte daran teilhaben, sich verstanden fühlen von dieser Frau mit der großen Stimme.
Und abseits dem großen "Rehab" gab es noch viel, was den "One-Hit-Wonder" Gedanken schnell verpuffen lies: "Me And Mr. Jones", "You Know I'm No Good", "Tears Dry On Their Own", "Addicted", "Love Is A Loosing Game" oder der tiefschwarz gefärbte Titeltrack.
Back To Black war und ist eines der wichtigsten Alben, weil es gleichzeitig den Mainstream knackte und sowohl die alternative Hörerschaft vereinen konnte.
Und wenn alte Rockröhren wie Courtney Love nicht aus dem Trott kommen, nehmen wir Amy Winehouse gerne als neue Rock'n'Roll-Frontfrau an.
Mit Stolz.
Daniel Gilic



21. THE NATIONAL - boxer
Von vielen Seiten noch mit (zu) wenig Aufmerksamkeit bedacht, wusste Boxer von The National sämtliche Neo-Wave-Mannschaften weit hinter sich zulassen.
Ausverkaufte Konzerte, frenetisches Abfeiern von seiten der Fans, überaus gute Kritiken.
The National werden mit ihrem nächsten Album sicherlich noch höher, weiter und gezielter einschlagen, als sie es mit diesem dunkeldramatischen Prachtstück, dass es in den Fingerspitzen kribbelt vor unterkühlter Leidenschaft, bereits getan haben.
Ob der gediegene Opener "Fake Empire", das tanzbare "Mistaken For Strangers", das sich lansam entfaltende "Start A War" oder das vom Schlagzeug angetriebene "Squalor Victoria".
Und überhaupt: Das Schlagzeug. Stets um pfiffigen Groove und Takt bemüht, überragt es die Popsongs mit raffiniertem Spiel, das es nicht langweilig wirkt.
The National waren 2007 eine ganz besondere, feine Praline, die den Gaumen vielleicht nicht gleich mit Geschmack ummantelte, sondern erst langsam dahinschmelzte.
So und nicht anders soll es auch sein.
Daniel Gilic



22. DINOSAUR JR. - beyond
2007 – Ein Comeback jagt das andere!
Dinosaur Jr. versuchten es auch noch einmal in Originalbesetzung und brachten uns mit Beyond zurück in die späten 80er und in die frühen 90er.
Zurück in eine Zeit exzessiven Musikerlebens – Grunge. Dinosaur Jr. haben es fertig gebracht diese Epoche in ihren Songs sehr schön wiederaufleben zu lassen, die meisten Songs beeinhalten die Intensität früherer Werke. Möglicherweise mag das auch stark an ihrem Mut zur Schrammeligkeit liegen, denn hier haben sie bei weiten nicht das ausgeschöpft, was die heutige Technik an Verbesserung bereit hält. Aber gerade dieses Hingerotzte ist ja auch ein Charakteristika des Seattle-Sounds. Verzerrte Gitarren bestimmen über weite Strecken das Klangbild und J. Masics‘ einmalig unperfekter Gesang ist einfach stimmig mit der Musik, weil man es so kennt und weil man daran gewöhnt ist. Wer hat schon erwartet, dass Dinosaur Jr. sich nochmal neu erfinden, wer hat überhaupt daran geglaubt, dass bei dieser Reunion was Anständiges bei herumkommt?
Aber schon der Opener „Almost Ready“ ist ein absoluter Kracher, „Pick Me Up“ feiert das Gitarrensolo, dazwischen schmuggelte Barlow mit „Crumble“ ein bisschen was balladeskes, bei „Back To Your Heart“ gibt jener ein sehr gelungene Dave Grohl-Imitation ab, „Been there All Time“ geht in Richtung Punk, „This Is All I Came To Do“ hat wundervolle Melodien, „It’s Me“ ist düster und heftig, „We’re Not Alone“ heller, freundlicher, „I Got Lost“ treibt in ruhigeren Gewässern, „Lightning Bulb“ ist sphärisch und schlagzeugdominiert.
„What If I Knew“ gibt zum Abschluss noch melodische Töne von sich. Wie man an diesem Album bemerkt, lassen wir uns gerne in eine einmalige Musikepoche entführen.
Ann-Kathrin Otte



23. ARCTIC MONKEYS - favourite worst nightmare
Was soll man groß erwarten, wenn eine Band ein dermaßen gutes Debütalbum auf den Markt bringt wie die Monkeys mit Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not?
Vielleicht ein, zwei gute Songs, der Rest wird hinter den Erwartungen zurück bleibe. Doch die Sheffielder Jungs haben es geschafft, ein rundes, schlüssiges Album nachzulegen, dass dem Vorgänger mehr oder weniger auf gleicher Augenhöhe die Hand reicht.
Wieder finden sich diese typischen Riffs, die bekannten Schlagzeug-Grooves und die unverkennbare Stimme von Alex Turner. Schon mit „Brianstorm“ und „Teddy Picker“ liefern sie zwei potenzielle Ohrwürmer. Wie eine kleine Zeitreise zurück zu Album Nummer Eins: Durchhören und direkt den Rhythmus im Blut spüren.
Klar, Favourite Worst Nightmare kann in Sachen Ohrwürmer und Mitsing-Hits nicht alle Erwartungen abdecken, die mit dem Erstling gemacht wurden, trotzdem bieten sie dem Hörer hier Vielseitigkeit. So hat man mit „Fluorescent Adolescent“ auch eine eingängige Midtempo-Nummer in petto oder gar balladenartige Songs wie „Only Ones Who Know“ und „505“.
Favourite Worst Nightmare muss sich also keineswegs hinter seinem Vorgänger verstecken. Ein tolles Album ist somit die Berechtigung für die Monkeys, in den Jahrescharts vertreten zu sein!
Tim Kollande



24. LES SAVY FAV - let's stay friends
Es sah doch alles nach Abschied aus. „We got old, but we got good/ And we did all we said we would” – da schwang mehr als nur ein Hauch Abschiednehmen mit in „Meet Me In The Dollar Bin“. Aber da schien es die New Yorker Art-Rocker doch unter den Fingern zu kribbeln und so nahm die Band einfach mal sechs Jahre nach ihrem letzten Studioalbum ihre eingängigste und poppigste Platte überhaupt auf. Aber den Hörer erwartet auch die gewohnte Experimentierfreude und vor allem intelligente, kreative und stilistisch mehr als hochwertige Lyrics, strotzend von Metaphern, Wortspielen, Parallelismen, Anaphern und allen erdenklich anderen Stilmitteln. Hier macht die Band zwar auch einen Schritt zur Masse hin, öffnet sich etwas dem Autonormalverbraucher, macht aber keine Abstriche ob ihrer Experimentierfreudigkeit.
Sie ecken immer noch hier und da an, aber die Kanten sind etwas geschliffener.
Ann-Kathrin Otte



25. THE PONYS - turn the lights out
Hätte der Black Rebel Motorcycle Club im letzten Jahr selbst keine Platte veröffentlicht, so hätten sich Anhänger und Fans gut und gerne mit dieser Scheibe darüber hinwegtrösten können.
Psychotische Songs verstecken sich hinter einer Maskerade, die das überhaupt nicht nötig haben. Songs wie der süchtigmachende, herrlich coole Opener "Double Vision", das rotzige "Everyday Weapon" oder die groovende Unnachgiebigkeit von "Poser Psychotic", die einfach nicht locker lassen wollen.
Auch wenn die Ponys nicht die Aufmerksamkeit bekommen haben, die sie verdienten, so blieb ihr Album nicht ungehört. Was die Herrschaften auf dem Cover mit einem anstellen würden, wenn man das Licht ausmacht, das darf sich ruhig jeder selbst gedanklich ausmalen.
Daniel Gilic



26. MAXIMO PARK - our earthly pleasures
Our Earthly Pleasures, der formidable Zweitling nach dem stürmichen Debüt A Certain Trigger, ließ die Band auch weiterhin in den oberen Liga mitspielen. Sie wollen und sie können es auch weiterhin.
Insgesamt ist das Album etwas ruhiger, doch sind es gerade diese stillen und langsamen Stücke wie „Books From Boxes“, die sich in der Hörergunst nach ganz oben arbeiten.
Betrachtet man dagegen Songs wie „Our Velocity“, werden rockige Knallersongs, vorgetragen vom springenden Herren mit der Melone, auch nicht vermisst.
Maximo Park zeigen erneut ihre Qualitäten und liefern neue Lieblingslieder für den geneigten Fan. Vielleicht poppiger als gewohnt, aber trotzdem immer noch ein rundes Ding, diese Platte.
Kein Wunder also, dass Paul Smith und seine Jungs in Jahresrückblicken nicht unbeachtet blieben & bleiben - man muss der Band und der Platte gegenüber auch gerecht bleiben, nicht wahr?
Tim Kollande



27. KATE NASH - made of bricks
Ein guter Freund ist das Beste was es gibt auf der Welt.
Das weiß sicher auch Kate Nash, die ohne Lily Allens Hilfe wahrscheinlich immer noch nur das charmante Mädchen von nebenan wäre und nicht das charmante Mädchen, dass einen keck und frech vom Artwork entgegenstrahlt.
Kate Nash weiß mit Stimme, Text und Piano umzugehen.
Vor allem mit ihrem Hit „Foundation“ zog sie viele in ihren Bann, letztendlich bekam sie hierzulande sogar eine eigene Klingeltonwerbung.
Und das ist gar nicht so falsch: Schließlich würde wohl fast jeder zu ihrer Musik gern das Tanzbein schwingen oder zumindest den daran befestigten Fuß wippen lassen.
Mit Songs wie „Dickhead“, „Birds“ oder „We Get On“ zeigt sie auch eine gewisse Vielseitigkeit, mit der Kate Nash ihre Songschreiber-Qualitäten unter Beweis stellen kann.
Ihre Musik passt zu ihr und passt zu uns.
Ein lebensfroher Sonnenschein, und ein Album, das genauso klingt.
Klingt doch angenehm, oder?
Tim Kollande



28. PATRICK WOLF - the magic poition
Vom exzentrischen Eigenbrötler zum Popstar.
Patrick Wolf hat dies geschafft.
War es vor ein paar Jahren kaum vorstellbar, dass seine Songs auf MTV laufen, rutschte der Traumtänzer mit The Magic Position 2007 fast in den Mainstream.
Nun werden seine Songs in H&M-Shops gespielt.
Und das alles ohne sich selbst und seine Musik zu verraten, denn The Magic Position stellt legiglich eine Weiterentwicklung des Londoners dar. Und was für eine.
Eigentlich muss man nur das Cover dieser wunderbaren Scheibe ansehen, und man kann ungefähr erahnen, wie es in diesem bunten Wunderland zugeht. Lebensfroh und farbenprächtig wie nie zuvor, singt er sich durch eine fantastische Welt. Variantenreicher als früher setzt er Instrumente und Stimme ein, und mittels fantastischer Produktion endet seine Musik als erfrischender Elektropop. Tracks wie „The Magic Position“ oder „Accident & Emergency“ liefern tolle Melodien und sind die eigentlichen Sommerhits des Jahres – wer braucht da noch eine Grace Kelly? Trotz der meist fröhlichen Songs schafft es Wolf auch die Melancholie der letzten Platten zu erhalten.
So authentisch kann Pop klingen.
Jan Gerngross



29. BIFFY CLYRO - puzzle
Biffy Clyro spielen ihr hartnäckiges Spiel auch auf ihrem vierten Album Puzzle mit einer beharrlichen und nimmermüden Präsenz.
Hinter einem recht auffallendem Cover verbirgt sich Überraschendes als auch Altbekanntes.
Ob mit epischen Ohrfeigen wie "Living Is A Problem Because Everything Dies" oder smarten Rockern der Sorte "Semi-Mental", Simon Neil und seine Truppe geben sich fstraight und eingängig wie schon auf ihren früheren Alben, aber auch sehr facettenreich und komplex.
Welches Puzzlestück sich der Hörer aus dieser bunten Kiste herausgreift, bleibt ihm selbst überlassen.
Oft daneben greifen kann er sowieso nicht. Stück für Stück perfektioniert man das Bild, dass dieses Album musikalisch ins Leben zu rufen versucht.

Daniel Gilic

5.3.08 12:00


Jahrescharts - Das Beste aus 2007: Plätze 39 - 30

30. BABYSHAMBLES - shotter's nation
Den Titel des Chaoten des Jahres musste Pete Doherty 2007 an Britney Spears abgeben. Dafür hat es das Album Shotter's Nation wenigstens in die Jahrescharts geschafft.
Dabei gehört das Album schon allein deswegen in die Liste, weil kaum einer an dessen Veröffentlichung geglaubt hat – schon der Erstling Down In Albion war ja eine Zitterpartie. N
Das Zweitwerk hat aber in die Plattenläden geschafft und der Musikfan fragt sich, ob die Platte mit dem grandiosen Vorgänger mithalten kann.
Tolle Melodien, die beste Produktion an der Pete Doherty bisher beteiligt war, und vor allem das ausgefeilte Songwriting zeichnen Shotter's Nation aus.
Gesungen wird über Lasten eines Stars, Drogensucht und Kate Moss. Ein weiteres Mal scheint die These bestätigt, dass Künstler immer dann am kreativsten sind, wenn es ihnen richtig dreckig geht. Der Song „Unbilo Titled“ trieft vor Liebeskummer, und auch wenn das Thema in „Lost Art Of Murder“ schon oft in Babyshambles-Songs vorkam, wurde Sucht von innen in noch kein schöneres Gewand gelegt.
Die Libertines sind ebenfalls wieder stärker herauszuhören, die Experimente wurden zurückgeschraubt. Auch wenn dem Album jenes Herzblut und diese Leidenschaft fehlt, die das erste Album der Engländer so besonders gemacht haben, gehört es ohne Frage in diese Liste.
Und wer weiß, wie lang und ob man auf den nächsten Streich vom Pete warten darf.
Jan Gerngross

 

31. EDITORS - an end has a start
Auf ihren Lorbeeren konnten sich die britischen Editors auch nach ihrem viel diskutierten Zweitwerk An End Has A Start nicht ausruhen.
Die einen fanden es zu poppig, einseitig und wenig abwechslungsreich, die anderen liebten die tanzbaren, euphorisierenden Songs mit den traurig erzählten Themen und Geschichten, die das Leben so schreibt.
Auch mit etwas Abstand kann man die Platte noch immer nicht eindeutig definieren, geschweige denn in ein passendes Kopfkino einordnen oder ganz in sein Herz schließen.
Einige Songs wie das fabelhafte "Escape The Nest" oder der wummernde Titeltrack haben nichts an ihren Reizen verloren, drängen sich vom Schattendasein ins warme Licht. Trotzdem konnte das Album in seiner Gesamtheit jedoch nicht an Stärke dazugewinnen.
Nur die Editors wissen genau, warum das so ist. Für eine goldene Mitte reicht das perfekt produzierte Material von Jackknife Lee aber allemal.
Daniel Gilic

 

32. MARILYN MANSON - eat me, drink me

Nach der leider zu gekünstelten Golden Age Of Grotesque-Show und der enttäuschenden amourösen Liebschaft mit Dita von Teese, fokusierte sich Manson wieder auf das, was ihn groß gemacht hatte: Die Musik.
Sie sollte sein gebrochenes Herz retten.
Eat Me, Drink Me überraschte mit einfachem Titel, glänzenden, zumeist schnörkellosen Songs und subtilen Anspielungen und Querverweisen, wie man es von ihm gewohnt ist.
Literaten wie Vladimir Nabukov, Bram Stoker oder Lewis Carroll halfen bei der Realisierung von Manson's düsteren Visionen: Obwohl Eat Me, Drink Me qualitativ an seine Werke gut anschließen konnte, wurde es hingegen von Seiten der Kritiker wenig beachtet. Schade muss man sagen, denn Marilyn Manson hat mehr zu bieten als nur schockreich zur Schau gestellte Koketterie.
Natürlich wusste er sich auch in der neuen Schaffensperiode in das richtige Licht und in die perfekte Szene zu setzen. Mit viel Kunstblut, neuer Lolita-Freundin und gebrochenem Herzen wandelte sich sein Image vom Burlesque-Rocker zum Naturalisten, der sein Innerstes nach Außen entblößt.
Das Buddy Twiggy Ramirez inzwischen wieder im Antichrist-Boot sitzt, verstärkt nur den Eindruck, dass mit Marilyn Manson auch in Zukunft noch zu rechnen ist.
Daniel Gilic

 

33. KILIANS - kill the kilians

Von Dinslaken zu MTV.
Gerade das Abitur in der Tasche – was will man da eigentlich mehr? Klar, Träume hat jeder und die erfüllen sich irgendwann.
Es kann aber auch schneller gehen.
So geschehen im Falle der Kilians. Die fünf Dinslakener Jungs konnten bereits beim Campus Radio auf sich aufmerksam machen und es hat gewirkt.
Thees Uhlmann wurde auf die Jungs aufmerksam und das anschließende Debütalbum Kill The Kilians ließ nicht lange auf sich warten.
Rock-Musik im Stile der Strokes, beim Hören denkt man an jedoch an alte Haudegen mit reichlich Erfahrung.
Eine Stimme, die schon einige Welt-Tourneen hinter sich hat und Gitarren, die klingen als wär es nicht das erste Album dieser Band. Trotzdem sind die Kilians erstaunlich frisch, jung und unverbraucht.
Da verzeiht man kleinere Durchhänger.
Vor allem, wenn man derartige Ohrwürmer wie „Fight The Start“, „Enforce Yourself“ oder „When Will I Ever Get Home“ vorfindet.
Mit Kill The Kilians wurde eine gute Packung an Abwechslung und Rock’n’Roll abgeliefert.
Und obwohl so viel geboten wird, kann man wohl noch eine Menge erwarten.
Tim Kollande

 

34. EDDIE VEDDER - into the wild (ost)

„On nature drunk and high“ - Ist es nun das erste Soloalbum von Pearl Jam-Frontmann Eddie Vedder, oder doch eher ein Soundtrack?
Doch ersteres scheint schon ob der knappen Länge des Albums irgendwo ausgeschlossen zu werden, auch musikalisch und lyrisch zeigt sich das Album stark auf Thematiken des Filmes zentriert. Diese finden sich jedoch hier mit Bravour umgesetzt: Die Texte wirken stark biografisch in Anbetracht des Hauptdarstellers von Into The Wild, beschäftigen sich verstärkt mit dem Zurücklassen des Weltlichen, Freiheitsdrang und einer Verbundenheit zur Natur.
Auch musikalisch spiegeln sich diese Aspekte deutlich wider, die Musik ist sehr bodenständig und naturverbunden, zumeist akustisch und alles andere als groß produziert. Es scheint fast so, als kämen die Melodien wie von selbst, als seien sie ein musikalisches Spiegelbild.
Dabei bewegt sich das Album stimmungsmäßig zwischen Freude und Aufbruch, was in jedem Aufheulen von Eddie Vedder deutlich wird, mit einem Hauch an Traurigkeit, Zweifeln und Einsamkeit.
All diese Emotionen finden sich in den Songs wunderbar umgesetzt.
Ein, zwei rockigere Stücke, viel Gitarren-Folk und ruhige Balladen - So bringt es Vedder in der knappen halben Stunde zu vielen wundervolle Melodieläufen, in die sich der Hörer bloß fallenlassen braucht.
Denn dieses Album bringt den Hörer in die Natur, in friedliche Weiten, aber auch in gefährliche, bedrohliche Strömungen.
Auch mit Gesellschaftskritik hält man sich nicht zurück – „Everyone I come across in cages they bought / They think of me and my wandering but I’m never what they thought / Got my indignation but I’m pure in all my thoughts / I’m alive.”
Wer kann das schon wirklich von sich behaupten? Doch durch den Film und gerade auch durch diesen einmalig guten Soundtrack kann man sich hineinversetzen und für gewisse Zeit einfach mal gedanklich seine Fesseln und Zwänge hinter sich lassen.
Ann-Kathrin Otte

 

35. DESTROYER - destroyer's rubies

Was genau macht Daniel Bejar da eigentlich bei seinem Projekt namens Destroyer, das mit der Platte Rubies bereits in die siebte Runde geht?
Ein Kanadier macht „European Blues“. Aber was genau ist das? „European Blues“ ist Eigenwilligkeit, Spontanität und Überschwänglichkeit, lässt sich kein Format aufzwängen, ist Tanz, ist Lebensfreude, aber auch Melancholie und Nachdenklichkeit, ist Musik einfach mal drauflos.
Impulsiv und manchmal ein wenig unstimmig, aber dennoch melodisch, träumerisch, aber nicht verschlafen, und mit einer ungeheuren Leichtigkeit.
Die Songs ziehen den Hörer in ihren farbigen Klangstrudel hinein, die gesanglichen „Lalalala“- und „Dadadada“-Ausschweife animieren zum Mitsummen, in den meisten der Songs findet man diese ansteckende Ausgelassenheit.
Diese scheinbare Wahllosigkeit und Unperfektheit lässt sich hingegen lyrisch garnicht wiederfinden, doch auch hier hebt sich Daniel Bejar von der Masse ab, seine Texte sehr kryptisch, verschlüsselt. Nicht nur die Musik an sich, auch die Lyrics erfordern eine gewisse Aufmerksamkeit und zielen auch auf Analyse und Nachdenken ab.
Referenzen auf diverse Künstler, Verweise auf geschichtliche Mythen und eine Menge aufgeworfene philosophische Fragen.
„All good things must come to an end / The bad ones just go on forever” – Wir wollen es nicht hoffen, aber es mag ein Stück Wahrheit drin stecken.
Doch in der Zwischenzeit bleibt uns Daniel Bejar hoffentlich weiterhin als „just another West-Coast Maximalist exploring the Blues“ erhalten.
Ann-Kathrin Otte

 

36. THE WHITE STRIPES - icky thump

Was soll ein Künstler tun, wenn alle meinen er hätte seinen Zenit bereits erreicht?
Und auch Marketingtricks wie ein Rätsel um die Beziehung zu der Bandkollegin nicht mehr funktionieren?
Jack White stand vor diesen Fragen und hat mit Icky Thump eine gute Antwort gefunden.
Back to the roots heißt nämlich das Konzept dieser Platte.
Die Gitarre feiert ihr Comeback als dominierendes Instrument, der Sound bleibt roh ist und so wenig produziert wie zuletzt auf De Stijl. Fleißig wird experimentiert, wie etwa mit dem Dudelsack bei dem gleichnamigen Hit "Icky Thump", oder des öfteren mit verzerrten Gitarrenriffs.
So klingt das Album herrlich krachend, unharmonisch, aber dann doch wieder ganz anders.
Zum Beispiel werden in „Prickly Thorn, But Sweetly Worn“ Folk-Melodien ausgepackt, oder White verfällt einfach mal dem Pop, wie in „You Don't Know What Love Is (You Just Do As You're Told)“.
Klar sind „Seven Nation Army“ und „Blue Orchid“-Fans über das Album enttäuscht, denn eine echte radiotaugliche Single gibts diesmal nicht, aber die Kenner der White Stripes sollten begeistert sein.
Für diese Abkehr vom Mainstream gehört viel Mut, der mit vielen Würdigungen in Jahresbestenlisten belohnt wurde.
Jan Gerngross

 

37. GRINDERMAN - s/t

Nick Cave buddelt sich frei.
Mit Pornobart und wilden Songexzessen schaufelt er sich seinen Weg, den er jahrelang mit den Bad Seeds bepflanzt hat.
Eine Durstzeit ohne Musik ist es aber trotz alledem nicht, den mit der neuen Personifizierung als Grinderman steht schon die nächste musikalische Großtat auf dem Plan.
Was schreibt die Agenda für die musikalische Abwechslung genau vor? Rock!
Schmutzig soll er sein, septisch und unperfekt vorgetragen, mit schmierigen Dielen und Ecken wie in der schlimmsten Bar deiner Träume, die aber doch irgendwie anziehend und gefährlich wirkt. „Get It On“, der Opener mit Sprechgesang und Kneipen-Stimmung, zapft schon mal das Bier frisch und setzt schon mal die Lunte, die vom anschließenden „No Pussy Blues“ elektrisch zerhackstückt wird. Cave ist nebenbei auch weiterhin verliebt in süße Melodien, nutzt diese für lasziv groovende Liebesabgesänge wie in „I Dont Need You (To Set Me Free)“ oder für gut platzierte Testosteronrocker wie der zuletzt abgeworfenen „Love Bomb“.
Grinderman ist durch und durch ein Nick Cave-Album.
Es ist anders, bleibt aber trotzdem bei seinem unberechenbaren Mentor.
Im Geiste und in der kompromisslosen Ausführung.
Daniel Gilic

 

38. MINUS THE BEAR - planet of ice

Nein, mit Eiseskälte und kalter Schulter begegnen uns Minus The Bear auf ihrem dritten, enorm vielseitigen Album Planet Of Ice nicht.
Vielmehr zieht sich eine wohlig knackige Wärme durch die Platte, die Eiszapfen und Polkappen zu schmelzen im Stande ist.
Dies liegt sicherlich auch an der Produktion, die Kanten nicht scheut (Knights...), diese aber schön zu umranden weiß.
Wie vielleicht noch Dredg wissen Minus The Bear sowohl griffige Eingängigkeit als auch einen hohen Anteil an neuen Möglichkeiten & Ansätzen, sowie leichtfließende Experimente in ihre Musik einzubringen, die manchmal nach Prog duftet, hier und da Richtung Pop schielt, die richtigen Melodien zur rechten Zeit ausspielt, und selten den Groove beiseite lässt.
Wenn die Gitarren so wunderbar umherschwirren und säuseln wie ein kalter Luftzug (Burying Luck...), die Struktur sich hin und her verschiebt, die Band dich an der Oberfläche zuerst zart einlullt um anschließend dem Funk zu frönen wie im gar nicht unheimlichen "Ice Monster" oder sich in weiter Ferne verliert, wie im episch enigmatischen Ausklang „Lotus“.
Im Nachhinein betrachtet vielleicht das außergewöhnlichste Album aus 2007, auf dem es noch nach wie vor einige Gletscher und interessante Gebirgsketten zu entdecken gibt, wie man dem immer noch wunderschönen Cover frei entnehmen kann.
Daniel Gilic

 

39. THRICE - the alchemy index vol. 1 & 2 (fire and water)

Überraschend interessiert zeigten sich die amerikanischen Thrice an der Alchemie, dass sie zum hochambitionierten Leitthema ihrer Musik im vergangenen Jahr machten, aber nur teilweise der Öffentlichkeit präsentierten.
Album Nummer eins, mit den ersten beiden Teilen Feuer und Wasser, erschien 2007 und stellte den ersten Akt der Tetralogie um die vier Elemente dar, dass in diesem Jahr noch um die restlichen, bisher fehlenden Teile Earth & Air ergänzt werden soll. Brachial steht dazu die erste Hälfte des Albums in lodernden Flamen, wie im gelungen, deftigem Auftakt „Firebreather“, im fies garstigen Doppel „Messenger“ & „Arsonist“ , oder dem hinterrücks zündenden „Backdraft“.
Ein wilder Sprung in die Tiefe der Gefühle, im besten Sinne der Deftones, die einem als Referenz einfallen wollen.
In anderen Gefilden befinden sich träumerische Songs wie „Night Diving“ oder „Digital Sea“, die mit Industrial angereichert sich im Schwebezustand befinden und auf offener See bekümmert umhertreiben.
Manchmal fast mit einem Gefühl der Schwerelosigkeit („Open Water"...)
Neugier und Schaulust führte scheinbar zu neuen, ungeahnten musikalischen Grenzen.
Es bleibt abzuwarten, ob Thrice ihr Opus Magnum mit den fehlenden Zutaten aus dem Folgewerk abliefern werden.
Zu wünschen wäre es allemal.
Daniel Gilic

19.2.08 17:00


Jahrescharts - Das Beste aus 2007: Plätze 50 - 40

40. THE ROBOCOP KRAUS - blunders and mistakes

"Sommer!" fällt einem ein, wenn man sich das neue Werk der Nürnberger Indierocker zum ersten Mal anhört.
Ein Ohrwurm hetzt den nächsten, The Robocop Kraus lassen einfach nichts aus, sie vermitteln jedes gute Gefühl, dass man kennen sollte.
Exotisch, mit wilden Keyboardeinlagen und gefühlvollen Synthies - ein Ritt auf dem Regenbogen ist vergleichbar mit Blunders And Mistakes.
Mit autobiographischen Texten und „naturgetreuen“ Melodien (Insel, Urwald?), hört man die Freude dieser Band an der Musik mit jedem Ton raus, nichts wirkt gekünstelt oder irgendwie aufgesetzt, obgleich verträumt und nachdenklich.
Zum Tanzen anregende Beats hin oder her, irgendwie schaffen es diese Jung niemals wirklich langweilig zu klingen und den Zuhörer zu aktivieren und aufzuputschen.
The Robocop Kraus etablieren sich erneut als eine der songtechnisch hervorragensten Bands des deutschsprachigen Raumes, die durch ihre Kreativität, nicht nur was das Songwriting sondern auch die Lyriks betrifft, noch eine große Zukunft vor sich hat und sich durchaus mit Bands ähnlichen Genres wie Maximo Park und Okkervil River vergleichen darf.
Diese Band hat sich selbst wieder einmal neu entdeckt und zauberte für das Jahr 2007 einen gefühlvollen und zur selben Zeit durchgeknallten und kunterbunten Wirrwarr aus Rhythmen und Melodien.
Ruth Glaser

 

41. RADIOHEAD - in rainbows

Auch wir kamen an ihnen nicht vorbei.
Radiohead kehrten 2007 überraschend zurück, mit einem Album, dass man wahrlich nicht greifen konnte - angreifen versteht sich.
Rein online ließ sich In Rainbows legal downloaden, vorerst.
Den zu zahlenden Betrag konnte man selbst bestimmen, der Wert des Albums wurde auf den Schultern des Zuhörers ausgetragen.
Über den Inhalt wurde indes nur wenig diskutiert.
Konnten Radiohead an ihre vormalig visionären Alben anknüpfen? Eine eindeutige Antwort darauf gab es nicht.
Thom Yorke schwelgte lieber in leidenschaftlich brodelnden, sich immer wieder selbst anstachelnden Höhen („Jigsaw Falling Into Place“...), melancholischen Tiefen („Reckoner“...), lies Muskeln und Nerven ordentlich zusammenzucken zu trocken wirbelnden Beats und harmoniesuchenden Pop-Melodien wie im rasanten Opener „15 Step“ oder rockte spröde und rissig gekonnt drauf los, zu finden im mitreißenden „Bodysnatchers“, anstatt uns mit zufriedenstellenden Rückmeldungen und Reaktionen zu versorgen. Was vor oder nach diesem spektralfarbenem Regenbogen kommt, liegt im Dunkeln.
Daniel Gilic

 

42. BRIGHT EYES - cassadaga

Wie Bright Eyes nach dem vorhergegangenem Album-Doppelschlag und dem großen, weltweiten Erfolg zurückkehren würden, konnten auch keine Wahrsager, Hellseher und Propheten voraussagen.
Doch genau dieser Aspekt interessierte Conor Oberst.
Cassadaga, sowohl Titel des im letzten Jahr erschienene Albums, als auch Name eines kleines Örtchen in Florida, setzte den Finger genau über diesen Ort auf der Landkarte ab, wo Übernatürlichkeit an der Tagesordnung steht und wo Menschen leben, die sich als Medium oder Mentalist der übernatürlichen Seite des Lebens gewidmet haben.
Diese ungwöhnliche Kommune war es, die Obersts Interesse geweckt hat.
Was würde er an solch einem Ort finden?
Glück? Frieden? Zurfriedenheit?
Der gebrochene Mann geht inzwischen aufrecht, er hat nun eine gesamte Band im Rücken, die ihn stärkt, die seine Stimme fester und straffer werden lässt.
Sie kippt nicht mehr nach links oder rechts, nach hinten oder nach vorn, wie es auf früheren Alben der Britght Eyes der Fall war.
Das Wundercamp hat den Blick von Conor Oberst dennoch nicht verschwimmen lassen oder entschärft.
Die Themen, denen er sich widmet, sind derlei viele und spitz und scharf wie frisch gewetzte Messer: Die Apokalypse, der Untergang unserer Gesellschaft, Tod, Religion und Fatalismus, und doch immer wieder die Liebe, die all diese Dinge in die Schranken weist, auch wenn es sich um die herangezogene Hure von Babylon handelt.
Um dieser abstrakten Themenvielfalt gerecht zu werden, wurde auch am Sound geschraubt.
Umfangreiche Instrumentierung, pompöser Streichereinsatz, bessere Produktion, schöneres Klangbild.
Cassadaga ist ein schillernder Bernstein, der vom Sand befreit werden will, der auf und um ihn herum liegt.
Eine offene und vielschichtige Platte, an denen auch zuvor rümpfende Nasen ihre Freude finden könnten.
Daniel Gilic

 

43. PJ HARVEY - white chalk

„Please don't reproach me for, for how empty my life has become.“
Was kommt, wenn Wut und Aggressivität nachlässt?
Aufgabe, Resignation, Hoffnungslosigkeit?
In diesem Fall scheint es fast so, denn PJ Harveys achtes Studioalbum White Chalk scheint wie eine Vertonung der genannten Begriffe.
Die Instrumentierung stark reduziert, der Gesang weich und zerbrechlich, das Klavier als zentrales Element des Albums.
Balladesk und atmosphärisch.
Bewundernswert an PJ Harvey war, ist und bleibt ihre Wandlungsfähigkeit – nicht zu verweilen, sondern weiter zu gehen. White Chalk ist geprägt von beklemmender Düsternis, Harveys Stimme zwar hell wie nie, aber stets mit einem Anklang von Verzweiflung und Flehen.
Gerade das geht besonders unter die Haut und die in Vergleich zum Vorgängeralbum geringere Instrumentierung wirkt nicht weniger intensiv, aber eben anders.
Selbst der Teufel kann PJ Harvey nichts anhaben, hier setzt sie sich noch zur Wehr, zeigt sich noch rebellisch.
Sie hüllt sich mehr und mehr in Dunkelheit, in Einsamkeit, während der Hörer den hellen Klavierakkorden durch die scheinbare Leere folgt. Weltfremd, entrückt, aber mit wundervollen, fesselnden Melodien wickelt sie uns ein und tänzelnd mit uns durch sphärische Ebenen.
Kalte Schauer jagt sie einem über den Rücken wie in "Silence", wenn Harvey ihre Stimme zum Ende des klaviergeleiteten Songs immer wieder anhebt.
Es geht hinab in düstere Abgründe, es werden triste Abschiede genommen, bevor das letzte Stück „The Mountain“ noch einmal durch luftige Sphären gleitet, um in einem Verzweiflungsschrei zu enden.
Mit White Chalk entführt Harvey den Hörer in entrückte Welten, mal in luftige, offene Gefilde, mal in düstere, bedrohliche, unterirdische.
Begibt der Hörer sich hinein und lässt sich fallen, tragen ihn die Klaviermelodien durch das Album, sie führen den Hörer sowohl in die Dunkelheit, als auch wieder ins Licht zurück.
Ann-Kathrin Otte

 

44. THE CORAL - roots & echoes

Wie aus der Zeit gefallen: Roots & Echoes, das fünfte Album der britischen The Coral, überraschte mit großen Songs und noch größerem Background
Wenn sich Oasis-Großmaul Noel Gallagher für die Band einsetzt, nachdem diese zuvor von den Kritiken zu ihrem wirren Vorgängeralbum in der Luft zerrissen wurden, und ihnen sein Studio für die Aufnahmen zur Verfügung stellt, dann muss etwas nicht mit rechten Dingen zugehen.
Hiobsbotschaften könnten so aussehen.
Und was macht die Band?
Geht locker ans musizieren ran, entstaubt die vergangenen Kisten, leiht sich genau die zwingend schwingenden 60’s Roots aus, ohne sie mit Samthandschuhen anzufassen.
Zeitreise mal anders.
Nostalgische Melodien treffen auf große Songs, wie dem smarten Opener „Who’s Gonna Find Me“, in den man sich sofort verliebt. Manchmal hat man das Gefühl, dass man gerade eine Mando Diao-Platte goutiert („Remeber Me“...), wohlgemerkt eine richtig gute Platte der Schweden.
Andernfalls verschwimmen die Gedanken und lassen entweder Erinnerungen an längst vergangene Tage, an die Jugend, an die erste oder die letzte Liebe („Jacquline“, „Put The Sun Back“, „Rebecca You“...) aufkommen, oder zurückgelehnte, Mariachi-artige Szenen vor dem geistigen Auge auftauchen („Fireflies“...).
Abseits der vermehrt traurigen Texte und der verwelkten Romantik, packt die Band dann doch noch reißerische Pop-Stampfer wie „In The Rain“ raus, dass gar nichts von Ruhe und Gelassenheit hält, und stattdessen mit tanzbarem Britpop die Meute aufmischt.
The Coral haben es geschafft, den warmen, knisternden Spirit und das milde und gleichzeitig fein gesponnene Echo der Vergangenheit auf Platte einzufangen. Damit sind sie wieder auf einem guten Kurs.
Ein Album, dass älter scheint, als es überhaupt sein kann.
Daniel Gilic

 

45. TURBOSTAAT - vormann leiss

„Haben Sie Beweise? Oder einen Verdacht? – Ich kann mir nicht sicher sein, ich kann mir nicht sicher sein.“
Räumen wir also auf mit der Unsicherheit: Turbostaats Vormann Leiss hat es auf Platz 45 geschafft, überraschend oder auch nicht. Doch da sind eben diese Zeilen, die hängen bleiben: „Verdient hab ich das sicher nicht“ – Wollen wir das so stehen lassen?
Nein, wollen wir nicht.
Denn es sind unter anderem Verse wie dieser, die Unmengen an hermetischen Metaphern und Gedanken, vertrackt, nicht direkt zugänglich und trotzdem nachdenklich machend, anregen.
Nebenbei werden die Texte intensiv und mit Nachdruck vorgetragen, der markant eindringliche Gesang stellt den
Finger auf suboptimale Lebensumstände mit der nötigen Portion Wut im Bauch.
„So ist es wohl, so ist das“ – eine Portion Sarkasmus, auch das lässt sich finden, textlich ist auch das dritte Werk der Band kompromisslos, ist Punk.
Musikalisch sieht es nicht anders aus, merkt man das Majorlabel nur am besseren Sound, da werden keine Zugeständnisse gemacht wie beispielsweise bei Muff Potter.
Da hämmern die Gitarrenriffs, da rollen die Schlagzeugwellen heran, da wummert der Bass sich seinen Weg, wütend, aggressiv, stürmisch.
Man wogt sich durch die Songs, wird durchgepeitscht von den massiven Soundwellen, wird unter die Oberfläche gedrückt in beengende Dunkelheiten, vom Sturm ergriffen.
Nach Rettung Ausschau haltend rudert der Hörer durch die raue, stürmende See.
Gerade die Kompromisslosigkeit macht das Album authentisch. Nicht nur die stürmischen Parts sind mitreißend, es sind auch die bedrückenden, ruhigeren Momente.
Dabei ist es gerade die gelungene Mischung aus Aggressivität und Nachdenklichkeit, die dafür sorgt, dass das Album sehr ausgeglichen gestaltet ist, dass mehr hängen bleibt als blanke Wut, weil auch Fragen aufgeworfen werden.
So lässt sich das Fazit mit einem weiteren Zitat aus den Lyrics der Platte ziehen: „Ein Wunderwerk vollbracht, muss lachen, das macht mir keiner nach“
Ann-Kathrin Otte

 

46. THE FALL OF TROY - manipulator

„Tensions move way too fast and I‘m afraid to say: ‚What would you think of me anyway?‘“
Nunja, was denken über The Fall Of Troy?
Gerade um die 20 Jahre alt, mit Doppelgänger bereits eines der Alben in ihrer Sparte, Chaoscore oder wie auch immer man diese Mischung bezeichnen will, die sich zwischen Post-Hardcore und Prog bewegt, auf den Markt geworfen.
Dem ein oder anderen mag diese Richtung sicher zuwider sein. Was manche Leute Gebrüll und Lärm abgewinnen können, ist eben nicht immer leicht nachzuvollziehen.
Manipulator verpackt dies in eine poppigere Hülle, lässt es umgänglicher werden.
Mehr Platz für Progressives, für sich ausbreitende Klangfelder, aber auch für Ruhe in der sonst stürmischen, drängenden Atmosphäre. Kontrast ist auch ein wichtiges Stichwort, oft duellieren sich kältere und wärmere Klänge, Riffs, und der Gesang, doch nicht nur bei der Klangfarbe lassen sich derlei Gegensätze ausmachen, einige Songs arbeiten auch verstärkt mit unterschiedlichen Tempi oder Laut-/Leise-Dynamiken.
Nur wenige Ruhepausen gibt es, beständig prasseln neue Elemente auf den Hörer ein, manche davon mit brachialer Gewalt und eindrucksvollen Gitarrenriffs, oder andere mit zahlreichen Schlagzeugsalven.
Manipulator gestaltet sich abwechslungsreich, besitzt mit „Caught Up“ einen absoluten Ausreißer, und pendelt ansonsten zwischen Metal und Pop, Stimmungen können binnen Sekunden umschlagen und den Hörer einfach mitreißen.
Abgesehen von den musikalischen Kapriolen begeistern sie auch mit pfiffigen Lyrics und Songtiteln, wie zum Beispiel dem Palindrom „A Man A Plan A Canal Panama“ oder sarkastischen Titeln wie „Cut Down All The Trees And Name The Streets After Them“.
Ann-Kathrin Otte

 

47. DEVENDRA BANHART - smokey rolls down thunder canyon

New, Weird und in den Jahrescharts.
Trotz der zurückhaltenden Wirkung von Smokey Rolls Down Thunder Canyon, konnte sich Devendra Banharts jüngstes Werk in die Jahrescharts schummeln.
Dass Devendra dort mehr zu suchen hat als seine Kontaktlinsen, soll hier noch einmal kurz beleuchtet werden.
Das Album zeichnet sich vor allem durch Charme und Vielfältigkeit aus.
Banhart nimmt den Hörer mit auf eine Weltreise und zwar durch seine eigene Welt - Amerika mal anders.
Ob nun Country-Musik, Folk, Latin, Rock oder gar Reggae, ob nun Mittel-, Süd- oder Nordamerika, irgendwie ist alles zu finden.
Seine Jahre in Venezuela finden hier beispielsweise Niederschlag in Songs wie „Cristobal“, ausgedrückt in spanischer Sprache und unterlegt mit verzückendem Folk.
Rockigere Klänge geben den melancholischen Traummelodien die Klinke in die Hand, als wäre Vielfalt selbstverständlich.
Immer wieder finden sich Perlen aus den 16 Songs der Platte. „Shabop Shalom“ trumpft als potenzieller Jukebox-Hit im Elvis-Stil auf, „Saved“ wiederum fordert Hörer-Beteiligung mit schwungvollem Gospel-Sound.
Selbst Reggae-Rhythmen überraschen in „Carmencita“.
Warum also Mixtapes mit umfassender Musikauswahl, wenn doch Devendra Banhart schon genügend Abwechslung auf seine CD packt?
Tim Kollande


48. THE SHINS - wincing the night away

Jeder kennt das: Du liegst abends im Bett und willst nur noch schlafen, aber das Einschlafen scheint unmöglich zu sein. Verzweifelt wälzt man sich hin und her, der Schlaf will einen nicht kommen.
Der Körper will sich erholen, aber das Gehirn arbeitet einfach weiter, lässt einem keine Ruhe.
Die Shins umschreiben das mit Wincing The Night Away - und mit ihrem so benannten Werk hat die Band ein Album für solche Nächte geschaffen.
Eine Platte, die einen gut durch die Nacht bringt.
Und so geben sie einem „Sleeping Lessons“ und wenden sich traumhaften Klängen zu, lassen uns mit tollem Indie-Pop nach „Australia“ fliegen oder von „Red Rabbits“ phantasieren. Experimenteller sind die fünf aus Albuquerque geworden. Die Versuchung, in den Mainstream abzugleiten, ist noch viel größer geworden, nachdem zwei ihrer Songs vom Vorgängeralbum als Soundtrack im Film Garden State benutzt wurden.
Und so kontrastieren in „Pam Berry“ düstere, bedrohliche Sounds mit hohem Gesang von James Mercer und auch die Synthesizer werden ausschweifend getestet.
Den perfekten Pop-Song zu finden, haben sich die Shins auch bei ihrem dritten Werk vorgenommen.
Der ist ihnen auf dieser Platte nicht gelungen, einen Übersong gibt es nicht.
Die Größe ist in ihrer Gesamtheit zu entdecken, und man sollte ihr viel Zeit geben, bis diese sich endlich zeigt.
Das nächste Mal, wenn man einfach nicht einschlafen kann, sollte man anstatt Schlaftabletten vielleicht einfach mal zu Wincing The Night Away greifen.
Jan Gerngross



49. NINA NASTASIA AND JIM WHITE - you follow me

Dieser Platte folgt man bedingungslos.
Nina Nastasia schwebt auf You Follow Me über dem Boden der düsteren Tatsachen.
Den nötigen Halt, die anziehende Schwerkraft zu ihrem akustisch vorgetragenen Liedgut, gibt ihr Drummer Jim White, der die spröden, folkangehauchten Songs mit seinen improvisierten Taktschlägen in die richtige Richtung lenkt und weist.
So sind es auch Geschichten, die Intimität ausstrahlen, die berühren und dunkel vorgetragen werden, die schon in sich zusammengefallen zu sein scheinen, ohne das rettende Licht am Ende des Tunnels, ohne den nötigen Anker erwischt zu haben, und doch steigen sie aus ihrer Trostlosigkeit auf, geben sich nicht mit dem lethargischen Zustand zufrieden, blicken sich um, geben erschöpft wieder auf, um sich doch noch mal aufzurappeln. Schließlich ist man hier nicht allein, sondern zu zweit.
Ein Auf und Ab, ein Geben und Nehmen.
Leicht zu verfolgen ist diese verwischte Fährte nicht, spannend allemal.
Ein Spiel mit laut und leise vorgetragenen Nuancen, die so eigen und mitfühlend dargeboten wurden, dass man sich ihnen kaum entziehen konnte.
Widmete man sich You Follow Me mit der nötigen Ruhe und Gelassenheit, das auch selbst zurückzugeben es vermochte, und spendete man der Platte die notwendige Zeit, hatte man am Ende des Jahres eine waghalsig umschlagenden Ritt, der nichts von seiner Spontaneität einbüsen musste.



50. DEVASTATIONS - yes, u

Dass mit Melancholie angehauchte Musik nicht immer in Selbstmordattacken ausarten muss, hat uns die australische Gruppe Devastations auf ihrem dritten Album Yes, U vorgeführt. Auch wenn es sich um eine äußerst ruhige Scheibe handelt und manche Songs zerbrechlich wie Glas klingen, stecken dahinter, bei näherem Hinhören, starke und aussagekräftige Songs mit eigenwilligen Strukturen und ausgefallenen Beats. Für Indie-Pop, dem Genre welches besonders im letzten Jahr eine regelrechte Flut an Bands durch das Land geschwemmt hat, eine große Leistung.
Und was Yes, U besonders ausmacht?
Die Melancholie, die jedoch nicht durchgehend herrscht, und vor allem die doch immer wiederkehrende Hoffnung und der positive Gedanke der uns permanent verfolgt.
Im Grunde klingen alle Tracks anfangs etwas gar traurig und trist, doch mit der Zeit entfalten sich die Songs wie Blumen im Eise - klingt kitschig, ist aber so.
Einmal sind es Elektronikklänge, dann schwungvolle Folknummern, zarte mimosenartige Akustikgitarren und ein untermalendes Klavier, sogar impulsive und kreischende E-Gitarren.
Egal welche Instrumente Devastations in die Hände nehmen, es klingt mehr als schön und es bildet sich dadurch eine unglaublich angenehme Atmosphäre.
Abschalten, zurücklehnen und genießen.Andere Aktivitäten sollten bei dieser Platte vermieden werden.
Nicht ohne Grund gehört Yes, U zu den besten Platten, die 2007 veröffentlicht wurden.
Melancholie rockt.
Ruth Glaser

4.2.08 17:00


BAND OF HORSES - cease to begin

Der Kampf ist noch nicht vorüber

Noch ist es Herbst, noch ist der Titel „Bestes Herbst-Album 2007“ noch nicht vergeben.
Und zu einer Zeit, wo die Supermärkte die Konsumenten schon mit Spekulatius, Glühwein und Schoko-Weihnachtsmännern versorgen, glaubt kaum noch einer an eine Nachzügler-Platte, die noch groß etwas reißt, bevor dann der Winter kommt.
Aber da man so schön auf Pferde wetten kann: Setzen sie doch mal auf die Band Of Horses.
Hatte man Mitte der 80er mit „Liebesspieler“ ja eher weniger Glück, könnte hier der große Sieg eingefahren werden.

Mit der Frage „Is There A Ghost“ eröffnet das Duo, welches sich au der eigenen Homepage mitunter als „Bananas In Pyjamas“ präsentiert, das zweite Album nach dem 2006er Erstlingswerk.
Und nach anfänglichen Ähnlichkeiten mit der Youth Group nistet sich mit dem Opener auch gleich ein kleiner Ohrwurm fest.
„Ode To LRC“ folgt an zweiter Stelle.
Gerade jetzt, wo in einigen Gebieten schon der Schnee fällt, träumt man doch gerne mit, wie die Flocken in Zeitlupe zu Boden fallen und die Stimme aus der Box einem die Schönheit der Situation mit „The World Is Such A Wonderful Place“ nur bestätigt.
Irgendwo zwischen Two Gallants, The Weakerthans oder der Youth Group sitzen auch die beiden der Bnd Of Horses und spielen verträumt vor sich in.
„No One's Gonna Love You“ ist dann die schnulzige Balalde, die jedoch so umgesetzt wurde, dass es schon wieder eine wunderschöne Ballade ist. Die Welt ist so ein schöner Ort und niemand wird dich jemals mehr lieben als ich es tue.
Da kommt die Sonne doch direkt wieder durch die grauen Vorhänge durch, die tagelang vor sich hin regnen.
Nicht jeder Song auf der Platte ist ein hundertprozentiger Schmacht und Liebeseid an irgendjemanden oder irgendwas.
Ein wenig Humor schimmert schließlich schon durch, wenn man ein Lied nach Detlef Schrempf benennt, dem seiner Zeit besten deutschen Basketballspieler in der NBA.
Wobei es Band Of Horses trotzdem schaffen, mit so einem Titel einen tollen Song zu zaubern.
Bis hierhin auch, gerade durch den Refrain, der Song des Albums.
Dass die beiden Jungs ein Gespür für gute Melodien haben, beweisen sie dann mit „The General Specific“.
Zur Halbzeit des Albums dann also fröhlichere Klänge und ja, verdammt, das haben sie auch gut drauf.
Die Platte, die hier ins Rennen geschickt wurde, liegt zur Pause klar vorne, ob sie sich in der zweiten Hälfte auch so gut behaupten kann?
Zur Einstimmung gibt es „Lamb Of The Lam“, ein einminütiger, instrumentaler Track, der eine Art Überleitung zur wiedergefundenen Melancholie darstellt.
Da darf natürlich der typische Hall nicht fehlen.
„Island On The Coast“ heißt das nächste Stück und bietet, wie erwähnt, verstärkt durch Hall-Effekte einen breiten Sound, wobei die positiven Klänge hier letztendlich doch wieder überwiegen.
Danach wird die Geschwindigkeit runter geschraubt für den „Marry Song“. Deutlich zu spüren sind in dieser tragenden Ballade die Country-Anleihen. Nicht umsonst schreibt eine bekannte Indie-Enzyklopädie „Alternative Country“ als Schublade unter den Bandnamen.
Der Breitwandsound von „Island On The Coast“ taucht dann auch wieder bei „Cigarettes Wedding Bands“ auf und die Band Of Horses zaubert erneut einen tollen Song.
Um das Rennen ein wenig anzuheizen: Ein sauberes Überholmanöver.
Der Endspurt steht an.
Die letzte Runde.
Der „Window Blues“.
Ein wenig Wind aus den Segeln nehmen, sich zum Ziel tragen, wieder ein wenig Country durchschimmern lassen.
Sich langsam aber sicher der Zielgerade nähern und dann die Linie überqueren.
Haben wir einen Gewinner?
Ja.
„No one is ever gonna love you more than I do“ verspricht der Sänger in einem schönen Liebeslied - man könnte das auch zur Platte sagen.
Es war kein unfaires Rennen.
Trotzdem: Könnten wir die Wiederholung noch einmal sehen?
Weil es so schön war.

Label: Sub Pop (Cargo Records) VÖ: 2007

9.5/10 >> Tim Kollande

9.12.07 16:00


DEVENDRA BANHART - smokey rolls down thunder canyon

Back to the roots

Süd-Amerika-Feeling kennt man ja vom Buena Vista Social Club.
Auch bei Devendra Banhart weiß man Bescheid.
Über seine Vergangenheit beispielsweise, nämlich darüber, dass er einige seiner jungen Jahre in Venezuela verbrachte.
Und mit seinem neuesten Album Smokey Rolls Down Thunder Canyon lädt Banhart dazu ein, ihn zu begleiten durch seine eigene Welt.

Den Einstieg dabei macht „Cristobal“, ein spärlich begleiteter, spanisch gesungener Folk-Song.
Die ganze Produktion klingt an und für sich schon leicht altbacken und verpasst den Song einen gewissen Charme.
Dieser Charme ist aber nicht nur in „Cristobal“ zu spüren.
Der „New Weird“-Amerikaner arbeitet weiter damit, wodurch auch das heimisch-gemütliche „So Long Old Bean“ ein gewisses Etwas erhält. Familiär und warm, aber nicht ganz so südländisch, wie der Opener oder „Samba Vexillographica“.
Eine kulturelle Reise also, die auch mit „Seahorse“ fortgeführt wird.
Eine ruhige Nummer, mit verhaltener Schlagzeug-Begleitung, ein bisschen Synthie und einem schwungvollem Piano.
Venezuela grüßt nur kurz mit hintergründigen Trompeten, bis es im acht Minuten zählenden Stück letztendlich rockig zur Sache geht, mit angezerrten Gitarren und singendem Gitarrensolo.
Ziemlich dünn und fast schon zurückhaltend kommt dann auch schon „Bad Girl“.
Eine gesanglich unterstütze Gitarrenmelodie geht über in eine melancholisch angehauchten Country-Folk-Mixtur.
Anfangs noch wunderbar, zieht es sich mit fast fünf Minuten aber auch ganz schön, wobei man Devendra Banhart bis hier hin schon einen gewissen Faible für lange Songs unterstellen muss.
Was keine Kritik sein soll, manchen Songs tut das schließlich gut, aber „Bad Girl“ hätte sich auch kürzer ausfallen können.
Mit ähnlicher Länge besticht „Seaside“.
Der Song baut einen netten Spannungsbogen auf und findet in der Mitte seinen Höhepunkt, nicht unbedingt ein Ohrwurm, aber wenigstens schön verträumt.
Nach den schwelgerischen Klängen kommt dann aber wieder die Country-Musik durch.
Mit „Shabop Shalom“ gelang Banhart eine Jukebox-Elvis-Ballade, die bis auf das gesprochene Intro dann insgesamt doch nicht so countrylastig ausfällt, wie man es beim Hören des Einstiegs wohl erwartet hätte.
Die Rock’n’Roll-Atmosphäre bleibt auch in „Tonada Yanomaninista“ erhalten.
Knapp drei Minuten, die irgendwo zwischen alten Klassikern und modernem Indie-Rock liegen.
Abkühlung nach diesen zwei Stücken verspricht „Rose“, weniger interessant gestaltet und mit fünf Minuten erneut ein gut in die Länge gezogener Song.
Eher ruhig gehalten und unauffällig, demnach also leider auch nicht besonders hervorstechend.
Überraschender dagegen sind dann die Gospel-Klänge bei „Saved“, dem Song, der mit seinem dreiviertel Takt zum Mittanzen, Mitklatschen und Mitsingen anregt, wie sich das gehört.
Man könnte sich überfordert fühlen, bei den vielen Richtungen, die hier dargeboten werden.
Ist dies aber nicht der Fall, dann kann man sich auf „Lover“ einlassen, wo er dann zur Abwechslung mal wieder funkig vor sich rockt, bevor es mit „Carmencita“ wieder in Richtung Süden geht.
Das kann natürlich noch nicht alles gewesen sein.
Und das war auch noch nicht alles.
Nein, probieren wir es doch mal mit einem Off-Beat-Rhythmus, angelehnt an den Reggae-Sound.
Ruhig, langsam und für Leute die dieses Wort gerne benutzen: chillig.
Die letzten drei Songs stehen an, langsam darf man runterkommen von den Wolken, den Dimensionen und all den anderen Dingen, zu denen man durch die Musik getragen wurde.
„Freely“ und „Remember“ sind zwei Balladen, kommt schließlich am Ende immer gut.
Einmal mit Gitarre und einmal mit Piano im Vordergrund, und erneut mit jeweils über vier Minuten eine ordentliche Laufzeit.
Endgültig Abschied nimmt Devendra mit „My Dearest Friend“, zwar nur zwei und eine halbe Minute lang, aber der Song ist ein gut gewählter Ausklang.

Eine experimentierfreudige Platte, die viele Stilrichtungen in den Mixer geworfen hat.
Und das Endergebnis schmeckt erstaunlich gut.
Ob Rock, Latin, Reggae, Folk, Gospel oder Country – zu finden ist alles irgendwo und vielleicht entdeckt man sogar noch mehr.
Interessante Stilübung, die der junge Texaner hier abgeliefert hat.

Label: XL Recordings VÖ: 2007

8/10 >> Tim Kollande

9.12.07 16:00


PUSCIFER - v is for vagina

Die mannigfachen Leidenschaften des MJK

Maynard James Keenan lässt nicht locker.
Obwohl mit den visionären Tool und den nicht minder ausgezeichneten A Perfect Circle er so gut wie alles erreicht hat, sowohl im breitgefächert alternativen Bereich, als auch in vom Mainstream gezogenen Kreisen, kommt es jetzt noch dicke: Ein Soloalbum, dass zudem gar kein richtiges Alleinwerk ist.
Maynard hat noch Zeit gefunden, neben seinen Bands und seinem bestens florierenden Weingut Musik zu machen.
Viele glaubten ja gar nicht daran, dass es wirklich auf die Welt kommt, abseits von zwei bisher veröffentlichten Songs, die sich auf Soundtracks tummeln.
Jetzt ist es da – und es fühlt sich pudelwohl.
Dazu steigert es die Skepsis enorm bei solch einem bescheuerten Titel sowie Songnamen, die sich eher im aberwitzigen, skurrilen Bereich abspielen.
Was ist los?
Ist Keenan bereit für eine Seelsorge und eine geistige Therapie?
Oder führt er uns wieder an der Nase herum, wie er es eigentlich schon immer getan hat, und spielt ein musikalisches Spielchen, wie es ihm gerade in den Sinn passt?

Die gemächliche, rhythmisch begeisternde, nicht allzu komplexe „Queen B.“ zeigt dann eine etwas andere Seite und stopft uns mal das Maul: Offensiver im Arrangement mit leichten orientalischen Finessen und einem durchzogenem „Ohmm“-Beat, nicht verworren sondern sehr eingängig provoziert der gelungene Opener das Albums unsere Ohren und unsere Geduld.
Impliziert der Titel doch etwas, was gar nicht auf dem Album zu hören ist. Ist es doch ein gelungener Emanzipationsversuch aus alten, maroden Kisten und Kleidern?
Keenans Stimme verharrt dabei wesentlich dunkler und zieht sich in den Hintergrund zurück, anstatt den Ton anzugeben, zeigt aber die volle Bandbreite an wunderbar intonierten Harmonien.
„Dozo“ schiebt dann dröhnende, mysteriöse, fast R`n`B-artige Züge nach. Doch was sich Keenan hier an Gesangs bzw. sprechartigen Gesang leistet, ist nicht zufriedenstellend.
Auch textlich greift nicht die Vernuft: “Tuggin on the dinner bell ring-ding-a-ling-dong, Make you smile for a while, would you sing along?”
Was schwirrt dir bloß im Kopf umher, lieber Maynard?
Mit einem hallenden Schlagzeugbeat eröffnet „Vagina Mine“ die Zur-Schau-Stellung, und pendelt sich wenig später auf bekanntes Niveau ein, dass man von ätherisch wohltuenden Tool-Songs schon kennt.
Wirr bleibt es trotzdem, wenn der Bass schaurig-schön den tiefen atmosphärischen Ton vorangibt, die Drums pulsieren, elektronische Spielchen mit einfließen und Keenan auch wieder ordentlich ordentlichen Stuss singt.
„Wake up son of mine, Momma got somethin' to tell you…” - poppige Countryklänge stehen mit „Momma Sed“ als nächstes auf dem Schedule. Doch was will uns Muttern sagen?
Veränderungen stehen an ihm trauten Heim...
„Change come, keep your dignity, take the high road, take it like a man.”
Zum ersten Mal scheint man den lyrischen Leitfaden hier aufnehmen zu können.
Betrunken und voller Elan?
Nein, die Rede ist nicht von deinen besten Freunden nach einer wilden Party, sondern von Keenan selbst, der Typ der „Drunk With Power“ ist.
Zu tief ins Weinglas geschaut?
Wie ein dunkler, zäher Blues rappelt sich der Song auf, lässt schaurige Zirkusglocken ertönen, fließt anschließend in Spaghetti-Western Panoramen und wieder zurück.
“I'm a pirate lost his booty, I’m a pimp without a dog without a bone.”
Ja sicher...
“The Undertaker” schwingt anschließlich die brachiale Industrial-Keule mit schweren Gitarren und brodelnder Montur.
Böse Zungen geben sich die Ehre, der Gesang klingt düster verhangen wie bei den Nachbarn vom perfekten Kreis: „Thank you for making me feel like I'm guilty, making it easier to murder your sweet memory“ heißt es hier.
Und es wird noch konkreter: „Either way i must say goodbye, you are dead to me.”
Nach einem verheißungsvollen Ritual eines Eingeborenenstammes klingt “Trekka”, einer sonderbaren Arbeiterhymne der verrückten Art.
Nach diesem Gebaren widmet sich Keenan den Indigo-Kindern, die über eine spezielle Aura verfügen und auch außerordentliche menschliche und psychische Fähigkeiten besitzen sollen, wie ein erhöhtes Selbstwertgefühl oder ein erhöhtes Potenzial an Kreativität.
„Indigo Children“ - Ob Maynard auch unter ihnen weilt oder er bei seiner Geburt gewusst hat, was in ihm steckt?
Oder übt er sich doch nur in marginaler Messias-Pose...
„Sour Grapes“ flirtet mit einem New Wave-Beat, erstreckt sich aber textlich weit über die Grenzen des Bekannten.
Ist es noch Keenan, der hier eine Geschichte im Sinne eines Priesters inmitten eines Indianervolks erzählt? Kaum wiederzuerkennen.
Dann transferiert sich der Song in eine große Soul und Gospel-Brause. Nach so viel Ungewohntem muss erst mal ein Drink her.
Dieser wird auch mit „Rev 22:20“ serviert, der in einem zurückgelehnten, sexy Gangster-massigen Dry-Martini-Remix serivert wird.

V Is For Vagina ist vielleicht das Mysterium des Jahres.
Warum ist es da, was hat es eigentlich zu sagen, ist doch alles nur Spass? Wir werden es wohl nicht so bald erfahren...oder vielleicht gar nie. Inzwischen lacht sich Maynard ins Fäustchen und schraubt schon an den nächsten irren Einfällen: Kleidung in Puscifer-manier gibt es ja schon, es sollen noch Kaffe, Tiernahrung und Hygieneartikel für die Frau von heute konzipiert und veröffentlich werden.
MJK – die Pussy und der Lucifer, vereint in einer Person.
Wir wussten es!

Label: Arista (Sony BMG) VÖ: 2007

6.5/10 >> Daniel Gilic

18.11.07 15:00


BRUCE SPRINGSTEEN - magic

Auf die übernatürliche Art

The Boss is back.
Springsteen.
Mitsamt seinen langjährigen Begleitmusikern der E-Street Band.
Das klingt erst mal verheißungsvoll und spannend, war doch sein letztes Album Devils & Dust ein Alleingang.
Magic - Welche Art von Magie präsentiert uns der fleischlich amerikanisch gewordene Traum aus den Staaten?
Sind es Liste, Betrügerein oder trügerische Kartenspielchen, mit denen er herumtrickst, oder gibt er uns die perfekt austariere, ausgedacht kreative Musikerblaupause?


Mit der elektrisch geladenen Single „Radio Nowhere“ nimmt die Platte ihren turbulenten Lauf.
“Is there anybody alive out there?“ fragt sich der mittlerweile 58 jährige Springsteen in diesem schwingenden Opener.
Ein Satz, der viel Subtiles insich trägt, ohne prägnant herauszustechen: Das Leben und den Tod.
Damit reüssiert er treffend die derzeitig vermeintliche amerikanische Seele inmitten von George W. Bush.
“I just want to hear some rhythm” - nur irgendwas, an dem man sich festhalten kann, wie der Griff nach einem Strohalm.
Man hat tief geschürte Wunden, doch lassen sich diese abheilen? Aufgeben darf man jedenfalls nicht: „Just searching for a world with some soul…”
Eine belebende Hymne, die nach Garage duftet und deren Wurzeln tief in einer großen Metropole verbuddelt sind.
Wer soll unseren Glauben an das Gute denn heutzutage noch retten können, außer der gute alte Freund, der Rock’n’Roll?
Diese Radiowellen sollte man schleunigst in Empfang nehmen.
„You’ll Be Coming Down“ lässt es dann entspannter angehen. Assoziationen zu gelassenen Pearl Jam werden geweckt, auch stimmlich rudert der Geist bzw. die Stimme von Eddie Vedder nah heran.
Seltsam.
“Livin' In The Future” wagt sich anschließend an Zukunftsprognosen.
Auch hier verhuscht Springsteen musikalisch den Blick mit fröhlich lockeren Bluespop, zieht ihn in aber in ungerade Bahnen, doch Zeilen wie “My ship Liberty sailed away, on a bloody red horizon, the groundskeeper opened the gates, and let the wild dogs run” implizieren nicht gerade eine goldene, sorglose Zeit.
Dieses Glück ist brüchig.
„Your Own Worst Enemy“ mit seinem beseelten Glockenspiel und dem einfühlsamen Arrangement treibt weiter auf diesen Pfaden dahin – „Everything is falling down.“
“This old town's been rousted, which side you on?” - das fordernde und still anklagende „Gypsy Biker“ packt die Mundharmonika aus und lässt sich auch auf einige Gitarrensoli ein, um dem Gefallenen die letzte Ehre zu erweisen.
Die Erinnerungs-Ballade „Girls In Their Summer Clothes“ geht noch mal den frühen Weg über die Wege und Straßen aus frühster Kindheit.
Das vom Klavier getragene, zaghaft vom Pop umschmeichelte „I’ll Work For Your Love“ spart nicht mit netten Worten: “I'll work for your love dear, I'll work for your love, what others may want for free, I’ll work for love.”
Der Eindruck bleibt trotz der süsslichen Artikulation gespalten.
Ganz so recht wird man nicht um den Finger gewickelt.
Der auf dem achten Platz positionierte, akustisch getragene Titeltrack entlässt dann meisterhaft mit ruhiger und sanfter aber sicherer Note die bereits zuvor versprochenen Trickkünste und Illusionen aus dem Hut. Danach geht es einerseits mit unruhigen, sehnsuchtsvollen Takten in „Last To Die“, oder mang geht mit teils introvertierten wie in Frage stellenden Werten und Gedanken in den Ring wie in „Long Walk Home.“
“Everybody has a reason to begin again” – wie ein leuchtender, kaum aus dem Auge zu verdrängender Schriftzug bleibt dieser Satz, diese überzeugend gesungene Zeile stehen – und berührt.
Vielleicht das versteck formulierte Leitmotiv der Platte, dass uns hier auf dem zweiten Blick begegnet.
Auch dem Teufel nimmt er sich wieder an: In Schlusslied „Devil’s Arcade“, einer düsteren und bitteren Kriegsparabel.

Nach politisch leider erfolglosen Aktionen wie der „Vote For Change-Tour“, wo sich Springsteen mitbeteiligte, hat er also seine Band ein erneutes Mal zusammengetrommelt, um Musik zu schreiben, zu machen, und die Welt dadurch vielleicht ein kleines Stück erträglicher zu machen.
Manchmal hat man das Gefühl, dass Magic durchaus rastloser tönen könnte, sich mehr Luft machen könnte, jedoch es nicht tut, zurückgehalten wird.
Nach dem perfekten Einstieg mit „Radio Nowhere“ will man gar nicht erst verschnaufen, sondern weitermachen.
Trotzdem ist das Album ein solides Werk geworden.

„I was driving through the misty rain, searchin’ for a mystery train, boppin’ through the wild blue, tryin’ to make a connection with you…”
Die Verbindung steht.

Label: Columbia (Sony BMG) VÖ: 2007 

7/10 >> Daniel Gilic

18.11.07 15:00


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