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BRUCE SPRINGSTEEN - magic

Auf die übernatürliche Art

The Boss is back.
Springsteen.
Mitsamt seinen langjährigen Begleitmusikern der E-Street Band.
Das klingt erst mal verheißungsvoll und spannend, war doch sein letztes Album Devils & Dust ein Alleingang.
Magic - Welche Art von Magie präsentiert uns der fleischlich amerikanisch gewordene Traum aus den Staaten?
Sind es Liste, Betrügerein oder trügerische Kartenspielchen, mit denen er herumtrickst, oder gibt er uns die perfekt austariere, ausgedacht kreative Musikerblaupause?


Mit der elektrisch geladenen Single „Radio Nowhere“ nimmt die Platte ihren turbulenten Lauf.
“Is there anybody alive out there?“ fragt sich der mittlerweile 58 jährige Springsteen in diesem schwingenden Opener.
Ein Satz, der viel Subtiles insich trägt, ohne prägnant herauszustechen: Das Leben und den Tod.
Damit reüssiert er treffend die derzeitig vermeintliche amerikanische Seele inmitten von George W. Bush.
“I just want to hear some rhythm” - nur irgendwas, an dem man sich festhalten kann, wie der Griff nach einem Strohalm.
Man hat tief geschürte Wunden, doch lassen sich diese abheilen? Aufgeben darf man jedenfalls nicht: „Just searching for a world with some soul…”
Eine belebende Hymne, die nach Garage duftet und deren Wurzeln tief in einer großen Metropole verbuddelt sind.
Wer soll unseren Glauben an das Gute denn heutzutage noch retten können, außer der gute alte Freund, der Rock’n’Roll?
Diese Radiowellen sollte man schleunigst in Empfang nehmen.
„You’ll Be Coming Down“ lässt es dann entspannter angehen. Assoziationen zu gelassenen Pearl Jam werden geweckt, auch stimmlich rudert der Geist bzw. die Stimme von Eddie Vedder nah heran.
Seltsam.
“Livin' In The Future” wagt sich anschließend an Zukunftsprognosen.
Auch hier verhuscht Springsteen musikalisch den Blick mit fröhlich lockeren Bluespop, zieht ihn in aber in ungerade Bahnen, doch Zeilen wie “My ship Liberty sailed away, on a bloody red horizon, the groundskeeper opened the gates, and let the wild dogs run” implizieren nicht gerade eine goldene, sorglose Zeit.
Dieses Glück ist brüchig.
„Your Own Worst Enemy“ mit seinem beseelten Glockenspiel und dem einfühlsamen Arrangement treibt weiter auf diesen Pfaden dahin – „Everything is falling down.“
“This old town's been rousted, which side you on?” - das fordernde und still anklagende „Gypsy Biker“ packt die Mundharmonika aus und lässt sich auch auf einige Gitarrensoli ein, um dem Gefallenen die letzte Ehre zu erweisen.
Die Erinnerungs-Ballade „Girls In Their Summer Clothes“ geht noch mal den frühen Weg über die Wege und Straßen aus frühster Kindheit.
Das vom Klavier getragene, zaghaft vom Pop umschmeichelte „I’ll Work For Your Love“ spart nicht mit netten Worten: “I'll work for your love dear, I'll work for your love, what others may want for free, I’ll work for love.”
Der Eindruck bleibt trotz der süsslichen Artikulation gespalten.
Ganz so recht wird man nicht um den Finger gewickelt.
Der auf dem achten Platz positionierte, akustisch getragene Titeltrack entlässt dann meisterhaft mit ruhiger und sanfter aber sicherer Note die bereits zuvor versprochenen Trickkünste und Illusionen aus dem Hut. Danach geht es einerseits mit unruhigen, sehnsuchtsvollen Takten in „Last To Die“, oder mang geht mit teils introvertierten wie in Frage stellenden Werten und Gedanken in den Ring wie in „Long Walk Home.“
“Everybody has a reason to begin again” – wie ein leuchtender, kaum aus dem Auge zu verdrängender Schriftzug bleibt dieser Satz, diese überzeugend gesungene Zeile stehen – und berührt.
Vielleicht das versteck formulierte Leitmotiv der Platte, dass uns hier auf dem zweiten Blick begegnet.
Auch dem Teufel nimmt er sich wieder an: In Schlusslied „Devil’s Arcade“, einer düsteren und bitteren Kriegsparabel.

Nach politisch leider erfolglosen Aktionen wie der „Vote For Change-Tour“, wo sich Springsteen mitbeteiligte, hat er also seine Band ein erneutes Mal zusammengetrommelt, um Musik zu schreiben, zu machen, und die Welt dadurch vielleicht ein kleines Stück erträglicher zu machen.
Manchmal hat man das Gefühl, dass Magic durchaus rastloser tönen könnte, sich mehr Luft machen könnte, jedoch es nicht tut, zurückgehalten wird.
Nach dem perfekten Einstieg mit „Radio Nowhere“ will man gar nicht erst verschnaufen, sondern weitermachen.
Trotzdem ist das Album ein solides Werk geworden.

„I was driving through the misty rain, searchin’ for a mystery train, boppin’ through the wild blue, tryin’ to make a connection with you…”
Die Verbindung steht.

Label: Columbia (Sony BMG) VÖ: 2007 

7/10 >> Daniel Gilic

18.11.07 15:00


MINUS THE BEAR - planet of ice

Seattle – mittlerweile mehr als nur die Geburtsstätte des Grunge

Minus The Bear ist eine der Bands aus Seattle, die mit Grunge auch mal so garnichts mehr am Hut haben, mit Planet Of Ice wandeln Minus The Bear auf helleren, harmonischeren, freundlicheren Wegen, die rauhen Pfade des Grunges liegenlassend,
Dabei wirkt keiner der Songs kalt, wie man aufgrund des Namens vermuten könnte, viel mehr schimmert es von allen Seiten und so reflektiert die Platte ein breites Spektrum, erklingt in vielen hellen Farben. Und so bietet Planet Of Ice in der auf uns zukommenden kalten und dunklen Jahreszeit eine gute Alternative zum Solariumbesuch, denn was die künstliche Sonne kann, dass schaffen Minus The Bear auch ohne schädliche Nebenwirkungen.

„Burying Luck“ macht den Anfang der wohltuenden Klangkur, und flackert zu Beginn noch etwas schrammelig aus den Lautsprechern, dies weckt jedoch sofort die Aufmerksamkeit des Hörers und lenkt seinen Fokus darauf, dem flirrenden Sound zu folgen.
Die Gitarre behält diesen fllimmernden Klang bei, schunkelt den Song in seinem Takt hin und her und treibt ihn so auch maßgeblich an, das Schlagzeug besitzt immer nur kurzzeitig, dafür aber einen umso größeren Drang nach vorne.
Zu Beginn und am Schluss dominieren düstere und leicht unheimliche Elemente die Musik, im Mittelteil erklingt der Song jedoch munter und fröhlich und der Hörer wird durch die eindringliche Hookline „What have you done?“ einbezogen und gefesselt.
„Ice Monster“ kommt zu Beginn unglaublich ruhig und sanft um die Ecke mit einer warmen und seicht gezupften Gitarrenmelodie akzentuiert von Xylophonklängen, auch der sanften Beckenschlag sorgt für eine beruhigenden Atmosphäre.
Nach einer Minute und 10 Sekunden tritt der Song dann unerwartet offensiv nach vorne mit einigen kräftige Schlagzeugbeats und angriffslustigerem Einsatz der Gitarre, die sich recht vielseitig präsentiert. Doch nach knapp drei Minuten beginnt der Song an zu nerven mit seiner stupiden, sich immer wieder paraphrasierenden Hookline „It’s come to this“ – wenigstens folgt dem noch ein starker Schlagzeugpart, der die Sache wieder ausbügelt, bevor auch dieser Song sein flimmerndes Ende findet. Durch „Knights“ hindurch zieht sich ein Keyboardmotiv, das immer wieder präsent ist und sich aufdrängt, schnelle, hämmernden Töne, die sich ganz tief einpickern.
Dieses sowohl hibbelige, als auch eindringliche Motiv prägt auch den restlichen Song, der sehr angenehm nach vorne treibt. Auch Schlagzeug und Gitarre greifen ähnliche drängende Motive auf, vor allem die Gitarre glänzt mit tollen Riffs und herausragenden Einzelleistungen, die das Keyboardthema bei weiten in den Schatten stellen.
„White Mistery“ kommt von diesem Tempo völlig runter, so ruhig wie er sich zu Beginn gibt, so unspannend bleibt der Song auch irgendwie, das helfen auch die kleineren aufrüttelnden Bemühungen der Gitarre nicht, der Song verhält sich schlicht und einfach zu unspektakulär.
Da ist nicht genug Abwechslung drin, das äußert sich zum Beispiel im schnöden Beat des Schlagzeugs, der sich wenig wandelbar gibt, auch die Gitarre spart mit kreativen Eingebungen, der Song holt den Hörer wieder auf den harten Boden zurück, der kreativ nur nerviges Getöne zu bieten hat.
„Dr. L’ling“ baut von diesem Punkt an ganz langsam und behutsam wieder auf, verzeichnet so aber auch eine großartige Entwicklung über seine knapp sieben Minuten Länge.
Von den ruhigen Klängen geht über diverse gitarristische Leistungen zu angriffslustigeren Parts, hier und da stampft das Schlagzeug und immer wieder blitzt die Gitarre auf.
Zum Ende hin besitzt der Song ob seines drängenden Gitarrenspiels und des agilen Schlagzeugs eine fesselnde Dynamik.
Auch textlich strahlt der Song mit einfallsreichen Versen, wie zum Beispiel „Yet I am afraid/ Of becoming a casual business man/ In matters of the heart/ Of becoming a casual buisness man/ Or something even worse.“
„Part 2“ kehrt der Elektronik fast gänzlich den Rücken zu, auch dieser Song zählt zu den ruhigeren Songs der Platte.
Die Akustikgitarre, die weitestgehend im Vordergrund steht, bringt sehr viel Wärme in den Song, die zum Ende dann leider wieder verloren geht, denn die Synthesizer-Fraktion tritt doch noch auf und zerstört irgendwie die Vertrautheit des Songs.
„Throwing Shapes“ zeigt sich sehr losgelöst und tanzbar, und so tänzelt der Hörer im Beat des dynamischen Schlagzeugs über die einzelnen Gitarrenakkorde, das Schlagzeug animiert mit einzelnen kräftigeren, sich abhebenden Beats und auch der Gesang gestaltet sich auffordernd mit Ausrufen á la „Yeah he he“.
Der Song bäumt sich immer wieder von Neuem auf und reißt den Hörer mit sich in seinen bunten, bewegten Farbstrudeln, aus denen es von allen Seiten blinkt und glitzert.
„When We Escape“ ist das Highlight des Albums, hier finden sich wie auch im nachfolgenden Song „Double Vision Quest“ progressive Ansätze, die sich vor allen die den langen Gitarrenläufen äußern.
Zumeist verhält sich „When We Escape“ sehr fließend und harmonisch, begeistert aber nach knapp drei Minuten auch noch mit einem tollen Riff-Part, bevor der Song allmählich leiser werdend ausklingt.
Auch der Bass blickt hier mal deutlich merklich durch und textlich beeindrucken mich vor allem die Refrainverse „You must be an Illusion/ Can I see trough you?“
„Double Vision Quest“ weist das progressive Element noch stärker auf als „When We Escape“ und klingt auch um einiges dunkler, auf weiten Strecken scheinen sich hellere und dunklere Elemente zu duellieren.
So wird der Song im Verlauf zunehmend rockiger, wohingegen die helleren Klänge immer sehr öffnend wirken, insgesamt triumphieren die verzerrten Riffs, doch zum Ende hin baut der Song an Intensität und Wirkung stark ab, läuft nur noch vor sich hin.
„Lotus“ bildet den Abschluss der Platte und nimmt sich vor noch einmal richtig zu glänzen, eine orgelartige Keyboardmelodie akzentuiert mit hellen Glockenklängen steht am Anfang des Songs, der Song fällt jedoch bald in ein dunkleres Loch, aus dem es nur von Zeit zu Zeit mal blinkt, woran meist die Gitarre maßgeblich beteiligt ist, die noch hier und da helle Melodien einstreut und den Song belebt.
Nach drei Minuten nähert sich der Song seinem ersten Höhepunkt, geht rockiger zur Sache, belebt durch aggressive, tänzelnde Riffs und ein kräftigeres Schlagzeug, dann kommt eine ganze Weile gar nichts, der Song stagniert und rappelt sich erst nach sechs Minuten beginnen erneut zögerlich Gitarrenriffe uns zur Minute acht hin gibt der Song noch einmal richtig Gas, bevor er sich dem Ende nähert.

Vor allem zu Beginn schimmert das Album in einer Vielfalt von Farben, je weiter man auf der Platte jedoch voran geht, desto dunkler werde die Songs auch, wobei sich auch am Ende noch scheinende Elemente finden lassen.
Auf weiten Strecken strahlt Planet Of Ice Fröhlichkeit aus und lässt es sich nicht nehmen, dem Hörer gute Laune einzuflößen und hier und da auch ein nervöse Zucken im Fuß gen Tanzfläche.
Um noch einmal den Albumtitel aufzugreifen – Eis reflektiert, das bedeutet es kommt zurück, was man darauf scheinen lässt – und in diesem Fall dürfte sich das Spektrum beim Hörer zu einem zufriedenen Lächeln überlagern.

Label: Undergroove (Indigo) VÖ: 2007

7/10 >> Ann-Kathrin Otte

18.11.07 15:00


THE ROBOCOP KRAUS - blunders and mistakes

Weder Schnitzer noch Fehler

Die aus Nürnberg stammende Formation The Robocop Kraus wurde schon von Anfang an von Kritikern und Fans auf Grund ihrer Vielfalt und Extravaganz hochgelobt.
Nicht nur in Europa, sondern auch in den Staaten, Kanada und Japan konnten die fünf wilden Rock'n'Roll-Junkies Fuß fassen und bewiesen vor allem durch ihre ausgefallene Live-Performance ihr wahres Können. Musikalisch verschmilzt die Band um Sänger Thomas Lang, die 1998 ins Leben gerufen wurde, Post-Punk, Pop, New Wave und Rock'n'Roll.
Da es bei einer Musikgruppe wie dieser ziemlich schwierig ist alle Genres zu nennen, die diese so kunterbunt in einen Topf kippen, fixiere ich mich lieber mal auf die oben genannten Stilrichtungen.
Vor allem mit ihrem vierten Studioalbum They Think They Are The Robocop Kraus, welches mit dem The Hives-Produzenten Pelle Gunnerfeldt aufgenommen wurde, schafften sie 2005 den Sprung von der Indie-Nische in den Mainstream.
Mit Blunders And Mistakes zeigen The Robocop Kraus, wie sie sich in den letzten zwei Jahren entwickelt haben.

Voller Schwung und Elan und wie aus der Pistole schießt „Waiting Above The Ocean“ hinaus, pompös und fröhlich.
Die Band scheint damit alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen zu wollen. Stilprägend auch die Orgel und die 2-Stimmigkeit.
Um nicht alles wie eine lange unendlich wirkende Wurst klingen zu lassen, legen Robocop Kraus in der Mitte noch ein kleines Verschnaufpäuschen ein um nicht gleich müde zu werden bevor es wieder bergauf geht.
Wenn man „Hyenas“ das erste Mal hört, wünscht man sich auf eine einsame Insel, so exotisch und bunt die Gitarre den Song macht.
„Now that I am getting older, I slow down and stopp to catch my breath/ I have learned a lot in my life, I feel more relaxed“ - genau dieses Gefühlt vermittelt das Stück dem Hörer.
Was, noch mehr Ohrwürmer?
Jawohl, das war erst der Anfang, „Blunders and Mistakes“ ist schon der nächste Streich des Quintetts.
Mit wundervollen, verträumten Texten wie „I was dreaming that I was awake, some sort of comic relief“ schwingt und entzückt.
Und auch „Standing In The Punchline“ bringt eine unglaublich positive Atmosphäre in Gang.
Liegt vor allem an der Orgel und der rhytmischen Gitarre, die das Gesamtwerk kraftvoller und voluminöser machen, welches für den typischen Robocop Kraus-Sound sehr essentiell ist.
Obwohl für die Band Texte eine nicht so große Rolle spielen wie der Umgang mit den Instrumenten, sagen ihre gesungenen Worte doch etwas aus.
Hauptsächlich Autobiographisches, beispielsweise aus Kindheitserinnerungen wird zum Besten gegeben.
Ein lyrisches Pendant dazu: „Gibraltar“ handelt von Flüchtlingen, die ohne jegliche Hoffnung versuchen nach Europa zu kommen.
Mitreißender Rhythmus und durchaus tanzbar auch „Automative Man“ und der rockige Track „Minions Of Satan“ überzeugen auf voller Länge. Dazupassende Synthies dürfen auf einer Indie-Pop-Platte selbstverständlich auch nicht fehlen, dafür sorgen Song wie „Changes“ mit urwaldartigen Drums und Echo-Gesang und den elektronisch angehauchten Keyboardeinlagen.
In „Snakes“ erzählt Sänger Thomas, wie er als Junge eine Schlange gefangen hat, soviel zu autobiographischen Aussagen.
Die schönsten Geschichten schreibt tatsächlich das Leben…
Gibt es eigentlich irgendwelche Ausrutscher auf der Platte?
Kaum, denn jeder Song strahlt nur so voller Innovation und Leben, mögen muss man es nur.
Ein verspielter und origineller Track folgt dem nächsten, so auch „Blood On The Pullover“ oder „Hex On Me“.
Viel zu oft muss man etwas Aufputschendes eingenommen haben um sich frisch und belebend zu fühlen…

Blunders And Mistakes ist die perfekte Alternative zu irgendwelchen Vitaminpräparaten oder Amphetaminen.
Und was wäre eine so schöne Platte ohne eine schmucke Ballade?
Genau das hat noch gefehlt, doch Robocop Kraus wären nicht Robocop Kraus, wenn sie dem Hörer den Gefallen nicht machen würden.
„Ease The Pain“ heißt das Stück, dass diese angenehme Platte noch perfekt abrundet.
Unwiderstehlicher Charme mit viel Gefühl verpackt, mit intelligenten Texten, machen das Album zu einem frohlockendem Packet voller Sonnenschein.
Natürlich waren Robocop Kraus mit ihrem Indie-Pop nicht sofort Weltstars, sind sie ja jetzt auch noch nicht.
Erst als Bands wie Franz Ferdinand grob gesagt, dieses Genre knackten und eine regelrechte Flutwelle an fast gleichklingenden Bands die Welt durchschwemmte, kam auch die Chance für die Band aus Nürnberg sich endlich zu behaupten.
Sie avancierten zu einem Geheimtipp der Szene und hatten endlich die Chance auf der gleichen Ebene wie Okkervil River oder Death Cab For Cutie zu stehen.

Zwar hat sich ihr Stil im Laufe der letzten 2 Jahre deutlich geändert, was für viele eventuell noch etwas gewöhnungsbedürftig klingen mag, doch trotzdem haben The Robocop Kraus mit Blunders And Mistakes ein reif entwickeltes und schönes Album an den Start gebracht, das die immer kälter werdenden Herbst- und Wintertage ein wenig versüßen wird.

Label: Anti (SPV) VÖ: 2007

7.5/10 >> Ruth Glasser

18.11.07 15:00


ABBITTE - joe wright

Junge Leidenschaft

Es ist Englands heißester Sommertag 1935.
An diesem Tag begeht Briony Tallis ein Verbrechen, das das Leben dreier Menschen für immer zerstören wird: Sie beschuldigt Robbie Turner (James McAvoy), den nicht standesgemäßen Geliebten ihrer großen Schwester Cecilia (Keira Knightley), einer Vergewaltigung, die er nie begangen hat. An diesem Abend legt ein 13-jähriges Mädchen den Grundstein für das Zerwürfnis einer Familie, eine unvorstellbare Ehe und den Tod zweier unschuldiger Menschen...

Der Film beginnt ziemlich unspektakulär, ruhig, vielleicht sogar ein wenig zäh, wenn nicht gar langweilig.
Doch um die nachfolgenden 1 1/2 Stunden des Meisterwerks gänzlich zu verstehen und in vollen Zügen genießen zu können, muss man auch die ersten 30 Minuten gesehen haben.
Ähnlich wie Ian McEwan im gleichnamigen Buch, das lange aufgrund der Komplexität der Erzählweise als unverfilmbar galt, lässt sich Stolz und Vorurteil-Regisseur Joe Wright viel Zeit für diesen ersten, entscheidenden Tag, an dem das Unheil seinen Anfang hat.
Dieser Tag ist nicht quälend, er ist einfach zu lang, wie das ewige Warten vor einem Erdbeben.
Die Erschütterung kommt tatsächlich, in Person eines 28-jährigen Schotten, der seine Figur lebt und den Film auf seinen breiten Schultern trägt.
James McAvoy (Der letzte König von Schottland, Geliebte Jane) ist das Herz von Abbitte, er ist das wichtigste Organ, das all die anderen in den Hintergrund stellt und zur Nebensache macht.
Er ist einer dieser Schauspieler, die nicht mal den Finger zu rühren brauchen, um Enormes zu bewegen.
Es reicht ein einziger Blick dieser stahlblauen Augen und man ist in seine Bann gezogen, man leidet und stirbt mit ihm mit.
Sein Robbie ist besser als perfekt, er füllt mit seiner Präsenz nicht nur die ganze Leinwand, sondern den ganzen Saal, sodass man keine 3-D Brille braucht, um sich mitten im Geschehen zu fühlen.
Am liebsten möchte man sich bei James McAvoy persönlich für diese überragende Leistung bedanken, für die seine erste, aber wohl gewiss nicht letzte Oscar-Nominierung bereits fest steht.
So eine ähnliche Sogwirkung besitzt im Film nur noch eine, die in ihrem kurzen Auftritt unvergesslich bleibt.
Vanessa Redgrave spielt Briony als eine alte Dame und sorgt mit ihrer grandiosen Performance dafür, dass am Ende kein Auge trocken bleibt. Toll ist aber auch die gereifte Keira Knightley, hier in ihrer ersten erwachsenen Rolle zu sehen, genauso wie die beiden anderen Briony-Darstellerinnen Saoirse Ronan und Romola Garai.
Es geht um Buße und um Krieg.
Darum, dass nichts einfach so passiert und dass alles, auch jede Kleinigkeit, seine Konsequenzen hat.
So kommt es irgendwann zum II. Weltkrieg, der weder Robbie und Cecilia noch Briony verschont.

Joe Wright stellt das Schrecken wort- und schonungslos dar, und dennoch so ungewöhnlich anders, neu und erschütternd, dass man dem Drama den Weg zum Klassiker und seinem Hauptdarsteller den ganz großen Durchbruch prophezeit.
Fest steht, dass Abbitte einer der ganz großen, wenn nicht gar der beste Film war, der in diesem Jahr in die Kinos kam.
Denn er ist zum Heulen schön, überwältigend und unvergesslich.

info: 2007, UK, Joe Wright, Literatur-Drama
darsteller: Keira Knightley, James McAvoy, Ramola Garai ua.
under the influence: Stolz und Vorurteil, Angel - Ein Leben wie im Traum

9/10 >> Natalya Nepomnyashcha

18.11.07 15:00


MANDO DIAO - never seen the light of day

Back to Ochrasy

Tatsächlich, Mando Diao haben schon wieder eine Neues Album draußen. Nur ein Jahr nach der Ode To Ochrasy – wie ist so etwas möglich?
Indem man zwischen Bühne und Studio das Tageslicht nicht sieht?
(Dieses Wortspiel musste sein...)
Unwahrscheinlich.
Oder einfach, indem die werte Plattenfirma soviel Unmut auf sich zieht, dass sich die Band denkt: „Denen zeigen wirs!“, ins Studio rennt um einen vermeidlichen Misserfolg aufzunehmen?
Ja, so muss es gewesen sein, da kann das Hören von Never Seen The Light Of Day ja heiter werden.

Mit dem tollen Titel „If I Don't Live Today, Then I Might Be Here Tomorrow“ soll die Platte beginnen.
Und soweit man in diesem Song hören kann, führen Mando Diao den auf ihrer letzten Platte eingeschlagenen Weg fort: Folk-Rock der 60er. Auffallend ist der Streichereinsatz, der sich über das ganze Album erstreckt.
Das Albumbetitelnde „Never Seen The Light Of Day“ kann wie der Vorgänger durch tolle Melodiebögen überzeugen.
Nachdem Gustaf Norén im Opener seinen Einsatz hatte, darf nun Björn Dixgård ran und kann einmal mehr besser überzeugen.
In „Gold“ tauchen dann zum ersten mal diese berühmten „Lalalalas“ auf, und erzeugen mit den Streichern angenehme Musik zum Nebenbeihören. „I don't care what the people say/ I wear my pain everyday/ People say it's a waste of time/ I say it suits me just fine“, heißt es in „I Don't Care What The People Say“, und die eher düstere Stimmung im Song steht Mando Diao wirklich sehr gut.
Kein Deut mehr zu spüren von dem alten Bring 'em In Garagen-Rock. „Mexican Hardcore“ist mehr belanglos, dafür kann „Macadam Cowboy“ toll überzeugen.
Richtig schöner 60er Lo-Fi Klang, Gustaf Noréns Gesang nur durch die Gitarre begleitet.
Gut ist auch der nahtlose Übergang zum nächsten Stück „Train On fire“ gelungen, der zwei Gänge zulegt und mal wieder die rockige Seite der Jungs zeigt.
„Not A Perfect Day“ trauert melancholisch über eine verlorene Liebe, und die Ballade verfällt dabei seltsamerweise kaum dem Kitsch.
Ist von sich selbst etwas zu klauen verboten?
In „Misty Mountains“ klingen die Mandos nach dem Opener dieser Platte, und die „Lalalas“-Zwischentöne wurden aus „Gold“ entnommen, die Strophen klingen schliesslich nach dem zweiten Track.
Verdammt frech, sowas.
„One Bood“ der beste Mando Diao-Song überhaupt?
Mindestens einer der Besten.
Geschrei wechselt sich mit Sprechgesang ab, unterlegt mit einem treibenden Rhythmus und harmonischen Geigen.
Experimentell, ja, aber dadurch sehr großartig.
Das abschließende Instrumentalstück „Dalarna“ träumt psychedelisch vor sich hin, sodass man aufpassen muss, nicht in Tagträume zu verfallen. Ein großer Abschluss.

Danken wir EMI!
Ohne sie und ihre Klammerverträge hätte es dieses Album nie gegeben, und Mando Diao's nächstes Werk wäre in einer anderen Form frühestens in einem Jahr erschienen, und das womöglich nicht so experimentierfreudig, aufwendiger produziert – einfach weniger „echt“. Klar gibt es auch einige schwächere Stücke, vor allem im Mittelteil des Albums, allerdings lassen diese sich verschmerzen, denkt man an die anderen tollen Songs, und daran, wie es zu dem Album gekommen ist.

Mando Diao haben mit Never Seen The Light Of Day das gemacht, was sie wollten: Ein Album, welches kaum klare Hits bietet, nicht so schnell ins Ohr geht und somit die Massen wohl kaum ansprechen wird.

Label: EMI VÖ: 2007

7/10 >> Jan Gergross

4.11.07 18:00


SERJ TANKIAN - elect the dead

Mal ganz allein und ganz anders

Das zumindest hat Serj Tankian versprochen.
Wenig später wurde die ganze Aussage revidiert.
Ihm liegt die Rockmusik eben doch eher und das findet letztendlich, konsequent und logisch, auch Niederschlag auf seiner Soloplatte.
Was erwartet den Hörer nun?
Ein Rockalbum nach System Of A Down-Manier, oder doch etwas ganz anderes?

Der Opener „Empty Walls“, erste Single der Platte, geht sofort ordentlich los und knüppelt einem Gitarrenriffs in die Ohren, abgelöst von ruhigen Parts und melodischen, rockigen Refrains.
Klar, kein schlechter Song, aber man muss schon sagen: Serjs Handicap ist wohl seine Stimme.
Zu charakteristisch, so dass der Song letztendlich die Angst bestätigt, dass es nicht sehr viel anders klingen wird, als SOAD.
Man muss es dem Mann aber auch positiv anrechnen, dass trotzdem eine eigene Note durchkommt.
Der Einstieg ist somit gelungen.
Bei „The Unthinking Majority“ arbeitet Tankian mit einem sehr plakativen politischen Text, der die Aussage direkt zu Sprache bringt: „We don’t need your hypocricy!“ oder “Antidepressives, controlling tools of your system, making life more tolerable.”
Mit diesem Song ist er zwar noch näher an seiner Band dran, dennoch gelingt ihm hier ein gutes Riff und auch die Brüche im Song sind ordentlich, so besticht er beispielsweise mit schwelgerischer Melodie in der „Antidepressiva“-Passage.
Ruhiger zur Sache geht es dann bei „Money“, wo das Piano mehr in den Vordegrund rückt.
Sehr tragender Vers und angriffslustige Refrains, keine neue Idee, trotzdem hörbar.
Im Endeffekt aber nur ein mittelmäßiger Song.
Leichte Mudvayne-Anleihen finden sich in „Feed Us“ - der Vers-Teil ist ziemlich ruhig gehalten, der Refrain dagegen wirkt rockiger und auch schön melodisch bis eingängig.
Ebenso ruhig wie die „Feed Us“-Verse, beginnt „Saving Us“,
ein Song voller Melancholie, Ruhe und Gefühl, was Tankian sehr gut mit seiner Stimme transportieren kann.
So wirkt selbst der ausbruchartige Refrain sehr bewegt und bewegend.
Ein kleiner Absturz ist dann „Sky Is Over“, nicht unbedingt ein starker Song, die Gitarre wird unterstützt vom Klavier, was nicht schlecht klingt, aber gewöhnungsbedürftig ist und bleibt das Endresultat trotzdem.
Der Refrain ist wieder gelungen, wenn auch dieser wieder einen sehr SOAD-lastigen Ton trifft.
„Baby“ bedient sich ebenfalls an diesem Regal: Ein wenig Piano, eine Gitarre, Gesang drauf gepackt und einen knallenden Refrain.
Serj verfällt scheinbar in ein Standard-Schema für seine Platte, wobei „Baby“ vor allem im zweiten Teil recht stark wird, wenn die ruhigeren Parts nicht mehr zum Tragen kommen.
„Honking Antelope“ erinnert an den Verspart von „The Unthinking Majority“, jedoch machen dass die Streicher und der Refrain wieder wett. Eine gewisse Vielfalt zeigt sich hier, vor allem ist es seine Stimme, die den Song zu einem Rock-Knaller werden lassen.
Der Durchhänger, der durch die vorherigen Songs teilweise entstanden ist, ist mit diesem Song beendet und auch mit „Lie Lie Lie“ kann Tankian wieder Pluspunkte sammeln, denn der Song wirkt doch schon recht experimentell - zumindest experimenteller als der Großteil der anderen Songs.
Schönes Klavier-Intro, eine ebenso schöne Versuntermalung und auch der Gesang geht hier ins Ohr.
Neben Serjs' Stimme hört man hier noch eine hohe Zweitstimme, dieser Song hätte definitiv auch als reine Piano-Nummer funktioniert, aber die anderen Instrumente verleihen „Lie Lie Lie“ hier noch den besonderen Touch.
Einen latenten Hang zur Übertreibung hat Serj natürlich auch parat:
Vor allem bei „Praise The Lord And Pass The Ammunition“ lebt er diesen aus, der so experimentell klingt, dass man schon wieder zu viel davon hat.
Aber genau um so etwas zu probieren, macht man schließlich ein Soloalbum, oder?
Was den Song aber nicht besser macht...
Zurück also auf die SOAD/Rock-Schiene.
„Beethoven’s Cunt“ folgt und knallt wieder von Anfang an.
Der vorherige Absturz geht nun wieder über in das Mittelmaß, womit sich das Album dann auch verabschiedet.
Eine Klavierballade, der Titelsong des Albums, "Elect The Dead“ ist gleichzeitig der kürzeste Song - und das ist auch gut so.

Insgesamt ist das erste Solowerk von Serj Tankian mit gemischten Gefühlen anzusehen.
Die erste Hälfte des Albums überzeugt nahzu durchgängig und bringt mit "Empty Walls" gleich zu Beginn den absoluten Reißer des Albums.
Jedoch bricht Elect The Dead nach "Lie lie lie" nahezu völlig ein und hinterlässt einen etwas fahlen Beigeschmack.
Die Notwendigkeit in diesem Album lag also darin, dass Serj Tankian auch mal etwas ausprobieren konnte, jedoch sind dafür zu viele SOAD-ähnliche Songs enthalten.
Wenn man seinen Hintergrund einmal ausblendet, wird das Album auf jeden Fall aufgewertet, aber da die Songs ebenso größtenteils auch von System Of A Down hätten sein können, reicht es hier nicht für mehr als Mittelmaß, trotz eines guten Einstiegs und einigen Lichtblicken.
Sicherlich ist eine Entwicklung im Stil zu erkennen, und seine Songwriterqualitäten stellt er auch wieder einmal unter Beweis, dennoch sind viele Passagen seiner neuen Songs zu vorhersehbar und bei seiner Hauptband schon zu oft aufgetaucht.
Insgesamt ist das Album im oberen Durchschnittsbereich ansiedeln, an die Qualität aus System Of A Down-Zeiten kann es leider nicht wirklich anknüpfen.

Label: Serjical Strike (Columbia) VÖ: 2007

6/10 >> Tim Kollande

4.11.07 18:00


BEIRUT - the flying club cup

Wenn man den Mixer anstellt

Das Mastermind hinter Beirut heißt Zach Codon.
Mit The Flying Club Cup veröffentlicht er bereits sein zweites Werk und diesmal galt wohl Frankreich als Inspiration.
Da schreckt man doch direkt zurück und verkriecht sich in der Ecke.
Gab es da nicht mal dieses nervige Akkordeonlied?
Ja, gab es.

Zum Glück beginnt die Platte aber nicht mit einem nervigen Akkordeon, sondern mit einem kurzen Intro und dem anschließenden Song „Nantes“. Klingt vom Titel her schon französisch, und musikalisch ist doch ein gewisser Touch diesen Landes zu spüren, nur wird man irgendwie an der falschen Stelle „getoucht“.
Der leicht lallend wirkende Gesang ist Geschmackssache, die musikalische Untermalung genauso.
Auch „A Sunday Smile“ steht dem in nichts nach.
Der Beginn klingt dem von „Nantes“ recht ähnlich, wobei es hier ruhiger vonstatten geht.
Wieder dieser träumerisch-melancholische Gesang, von dem man kein Wort so richtig versteht, ab und an mal den Titel des Liedes, ansonsten heißt es: stark konzentrieren.
Der Chorus-Effekt trägt dazu bei, dass der Song wirkt, als würden besoffene Verliebte versuchen, gemeinsam ein Lied zu singen, während ihr Äffchen die Drehorgel betätigt.
„Guyamas Sonora“ besticht ebenfalls durch einen solchen Refrain.
Dabei sind die Versparts hier doch recht ansehnlich gestaltet worden und die Trompeten-Untermalung, beispielsweise in den Zwischenspielen, hat doch einen gewissen Charme.
Dieser findet sich auch wieder in „La Banlieu“.
Ein Song, der leichte Soundtrack-Atmosphäre aufbaut, ein reines Instrumentalstück also, mit einer Länge von nicht mal zwei Minuten.
Ein gutes Interlude sozusagen.
Und dann kommen sie doch: Die gefürchteten Akkordeons.
Militärisch anmutende Snare-Wirbel und der Gesang setzen ein, Frankreichs Beitrag stach bisher noch nicht so vor wie er es hier tut.
Die Melodieführung ist interessant, eingängig und schön.
Der Charme ist da, Jahrmarkt- und Volksfest-Feeling, gepaart mit Melancholie - der Track weiß zu gefallen.
Man verzeiht sogar das Akkordeon...
Weniger gut ausgestattet erscheint dann „The Penalty“.
Nur Gitarre und Gesang in der ersten Hälfte, im zweiten Teil dann noch Unterstützung durch das ein oder andere Instrument, jedoch weniger weltmusikalisches Ambiente.
„Forks And Knives“ holt dies aber auf und kann wieder breitbeinig vor einem stehen und sich brüsten mit genau dem Liebreiz, der hier immer wieder so schön zum Vorschein kommt.
Eine tragende Nummer, vielleicht zum Tanzen, vielleicht zum Träumen, vielleicht zum Aufregen.
Man steht dem Ganzen gespalten gegenüber, leider.
Die beiden nachfolgenden Songs „Un Dernier Verre“ und "In The Mausoleum" wirken balladesk und nicht ganz so französisch.
Man fühlt sich hier doch eher weiter östlich versetzt, Streicher und Bläser in den Instrumental-Parts und der gewöhnungsbedürftige Gesang in den Versen.
Der abschließende Song „The Flying Club Cup“, der Titeltrack, beginnt mit einigen Startschwierigkeiten, jedoch zeigt sich letztendlich eine Steigerung: Alle Instrumente, die auf dem Album zum Einsatz kamen, finden noch einmal ein Zusammenspiel, dazu wieder dieser Chorus über der Stimme.
Auch eine Zweitstimme ist zu hören, die noch ein Stück höher singt.
Ein musikalischer Orgasmus, bis dieser sich dann schön in ein Ende verläuft...

Musikalisch ist die Platte interessant, man erkennt viele verschiedene Einflüsse.
Jedoch ist der Gesang stark gewöhnungsbedürftig und wirkliche Ohrwürmer vermisst man hier auch.
Das Problem an dieser Platte wird wohl sein, dass man nur zwei Möglichkeiten hat: Sie lieben oder sie hassen.

Label: 4ad/Beggars (Indigo) VÖ: 2007

5/10 >> Tim Kollande

4.11.07 18:00


BOB DYLAN - dylan

Where would you go?

Sich dem Mysterium Bob Dylan zu nähern ist kein Leichtes.
Wie ein Chamäleon wusste Dylan sich zu inszenieren, sich sowohl optisch als auch auf persönlicher Ebene zu verändern, die Leute damit absichtlich oder unweigerlich vor den Kopf zu stossen.
Nun ist es also wieder an der Zeit für eine Werkschau des Ur-Singer/Songwriters.
Schlicht Dylan betitelt, prangt der Name geschichtlichkeitsreif in dicken schwarzen Lettern auf dem dunkelroten Cover.
Wie ein besonders gereiftet Wein blickt es uns an.
Mehr braucht es nicht, um auf sich aufmerksam zu machen. Ein ähnliches Konzept, wie es Rick Rubin mit Johnny Cash im neuen Millennium machte.
Rund 45 Jahre umfasst diese musikalische Manifest, das sowohl als Single-Disc mit 19 Tracks für Neueinsteiger, Doppel-Album für Fans und als 3-CD-Set in einer limitierten Box für besondere Anhänger des Gottvaters erhältlich ist.

Mit dem bekannten „Blowin' In The Wind“ geht die Reise auf die frühen, leise instrumentierten, mit Mundharmonika ausgeschmückten Felder, die inhaltlich mit rebellischen Gedanken keineswegs vor den Berg hielten, die Dylan am Anfang seiner wechselseitigen Karriere bediente.
Mit aufwühlenden, nüchtern formulierten Fragen stellt Dylan die Menschen auf die Probe: „How many ears must one man have before he can hear people cry? Yes, and how many deaths will it take till he knows that too many people have died?”
Fragen, auf die es in Wirklichkeit keine zufriedenstellende Antwort gibt. Das Echo ist irgendwo da draußen...
Auch das im selben Muster instrumentierte „The Times They Are A-Changing“ spart nicht mit kritischen Inhalten.
Flotter übt sich der „Subterranean Homesick Blues“, der sich auch mit der eigenen schillernden Person innerhalb des Medienrummels und der Gesellschaft beschäftigt.
Der Folkbarde und Protestinterpret im Zwist mit dem eigenen Ich?
Der “Mr. Tambourine Man” schlendert, ebenso wie der später folgende, magisch wirkende Dialog “All Along The Watchtower“, auf melancholischeren und empfindsamen Straßen weiter seinen knapp sechsminütigen Weg dem Folk entlang: “I'm ready to go anywhere, I'm ready for to fade into my own parade, cast your dancing spell my way, I promise to go under it…”
Das obligatorische “Like A Rolling Stone”, vielleicht das bekannteste Dylan-Stück, darf natürlich auf dieser Zusammenstellung auch nicht fehlen.
Ein unzerstörbares Gut wie der unkaputtbare Refrain selbst: “How does it feel to be without a home, like a complete unknown, like a rolling stone?”
Ein Gefühl, dass man auch nach Jahrzehnten noch immer kennt und fühlen kann.
In „Maggie’s Farm“ wird beschlossen, endlich mit der mühseligen Arbeit aufzuhören.
Textlich dazu sehr klare Worte: „Well, I try my best to be just like I am, but everybody wants you to be just like them/ They sing while you slave and I just get bored, I ain't gonna work on Maggie's farm no more.”
Poppiger ist „Positively 4th Street“, dass um Hinterhältigkeit und Unaufrichtigkeit kreist, doch mit dem wonnigen “Just Like A Woman” geht es auf versöhnliche Art weiter.
Was hat diese Werkschau noch zu bieten?
Bekanntes wie „Lay Lady Lay“, das mit dem damals zu Unrecht inhaftierten schwarzen Boxer Rubin Carter sich auseinandersetzende „Hurricane“ oder die schon oft gecoverte Songperle „Knockin On Heavens Door“, dass die Zeit widerspiegelt, in der sich Dylan von der Öffentlichkeit zurückzog und distanzierte, und wenig später den Christentum für sich neu entdeckte.
Oder auch das ergreifend schöne „Forever Young“, eine Reminiszenz und musikalische Huldigung an seine Kinder, dass hier am Ende platziert worden ist.

Ob Poet, Dichter, wüster Rebell, politischer Aktivist, Balladensänger, Geistlicher, Countryspieler oder moderner Troubadour – Dylan ist all das, in einer Person.
Dylan zeigt, dass die Formel für den prägenden Zeitgeist noch immer währt.
Manche Songs fühlen sich so aktuell an, als wären sie soeben geschrieben worden, inmitten der neu entflammten, erfolgreichen Folkwelle.
Andere stechen durch die mittlerweile stimmliche Veränderung deutlich hervor („Things Have Changed“ vom letzten Album Modern Times.)
Dass bei einer solchen Zusammenstellung von Songs einige unerwähnt bleiben, dürfte klar sein.
Viele Fans werden die Nasen rümpfen, weil einige wichtige, essentielle oder vielleicht auch nicht zwingend populäre, aber doch wichtigen Schmuckstücke vergessen wurden.
Denen sei gesagt: Die Anschaffung der opulenten Box mit randvoll gefüllten 3 Dics, ist in diesem Fall erwähnenswert.
Allen anderen Folk-Beschnupperer und Neo-Dylans wird diese Zusammenstellung ihren Wert erweisen.

Label: Columbia (Sony BMG) VÖ: 2007

Keine Wertung >> Daniel Gilic

4.10.07 18:00


TRADE - marco kreuzpainter

Fair Trade?

„Was für einem Genre würde Sie Trade zuordnen?“, frage ich eine Person, die nur den Trailer gesehen hat.
„Ein Politdrama mit Thrillerelementen“, höre ich als Antwort.
Doch leider ist das falsch – oder nur eine reine Wunschvorstellung des Sommersturm-Regisseurs Marco Kreuzpainter.
Denn in Wirklichkeit entpuppt sich Trade als ein kitschiges, klischeeüberladenes Melodram, das so gut wie keines ihrer Versprechen an den Zuschauer erfüllt.
Alles beginnt jedoch sehr ansprechend, der Vorspann ist originell gestaltet und auf alle Fälle ein Hingucker.
Doch dann fängt leider Gottes (und mit nur wenigen Lichtblicken) eine Geisterfahrt an, der kein Ende gesetzt ist.

Zunächst sehen wir die 13-jährige Adriana, die von Menschenhändlern entführt wird.
Das bringt natürlich ihre alleinerziehende Mutter um den Verstand und veranlasst ihren Bruder dazu, in den USA nach dem Mädchen zu suchen. (Klischee Nr. 1: die erbärmlichen Mexikaner).
Die Bande, die sie verschleppt hat, wird vom bösen, bösen Vadim angeführt (Wer hätte das denn gedacht?; Klischee Nr. 2: die allgegenwärtige Russenmafia).
Und zu guter Letzt kommt der nette, vom Tod seiner Katze tief bestürzte Ray (Kevin Kline) zum Einsatz, der dem Mexikaner bei der Suche nach dessen Schwester zur Seite stehen will (Klischee Nr. 3: die immer hilfsbereiten, uneigennützigen Amerikaner).
So unoriginell sich das Ganze anhört, so einfallslos ist es im Prinzip auch.

Der Regisseur Kreuzpainter und der Prozudent Roland Emmerich (The Day After Tomorrow) wollen einfach zu viel.
Auf die weltweiten Missstände aufmerksam machen, den Zuschauer zu Tränen rühren und ihn gleichzeitig durch vollkommen unpassende Witze (Ja, eine anständige Priese gewollten Humors findet man auch vor) zum Lachen bringen.
Am Ende kann man das tatsächlich schreckliche, uns alle etwas betreffende Problem nicht mehr wirklich ernst nehmen und unterhalten fühlt man sich auch nur bedingt, u. a. den schlechten Schauspielerleistungen und der noch schlechteren Synchronisation sei Dank.
Der ganze Film sieht vorprogrammiert aus, wie ein mit Hilfe von Psychologen zusammengebasteltes Computerspiel, das jedem Geschmack etwas abgewinnen möchte.

Zwar wird der Streifen den hohen Ansprüchen kaum gerecht.
Man sollte den Machern aber trotzdem zugute halten, dass sie sich an ein so wichtiges und von den Medien leider größtenteils ignoriertes Thema herangewagt haben.
Wir bekommen zumindest eine Ahnung vom Geschäft mit Menschen, dürfen sozusagen durch ein Milchglas einen Blick darauf werfen.
Und auch wenn danach wieder die heile Welt vorgespielt wird, ahnt man, dass es in Wirklichkeit ganz anders abläuft.
Wie einer der Protagonisten das so treffend formuliert, sind wir alle Freunde, egal wo und wie wir leben.
Und als solche sollten wir nicht einfach zuschauen, wenn mit unseren Freunden wie mit Waren gehandelt wird.

Die einzige Botschaft von Trade, die den Zuschauer tatsächlich erreicht, ist der Aufruf zur Zivilcourage.
Und dem sollten wir folgen, denn es ist unsere Pflicht als Eltern, Vorbilder und Menschen.

info: 2007, USA, Marco Kreuzpainter, Thriller-Drama
darsteller: Kevin Kline, Paulina Gaitan ua.
under the influence: Menschenhandel, Traffic, Bordertown

5.5/10 >> Natalya Nepomnyashcha

28.10.07 17:00


ENTTARNT - billy ray

Täuschungsmanöver

Es gibt nicht viele Genies auf dieser Welt.
Und nur die wenigsten von ihnen werden als solche tatsächlich anerkannt. Die Übrigen werden entweder wahnsinnig oder setzen ihr Talent falsch ein. So auch der FBI-Agent Robert Hanssen, der 20 Jahre lang geheime Informationen an russische Geheimdienste verkaufte und den USA damit einen Schaden in Milliardenhöhe zufügte.

Im Gegensatz zu vielen anderen Verrätern ging es ihm dabei nicht ums Geld.
Nein, dieser Mann wollte einfach nur etwas bedeuten, gar bewegen.
Er kam sich jahrelang zu unwichtig, zu grau vor.
Er hatte das mit dem Populismus nicht so drauf.
Tatsächlich ist ihm das Kunststück gelungen, nicht erwischt zu werden. Zumindest nicht vor dem für Amerika schicksalhaften Jahr 2001.
Da war es Schluss für Hanssen.
Schluss mit dem Lügen, dem Verstecken und Überlisten.
Der Althase wurde überführt, von einem Jüngling namens Eric O'Neill, ambitioniert, jedoch grün hinter den Ohren.
Mehr Schauspieler denn Profi, erschlich er sich das Vertrauen des Altmeisters und machte somit dessen Festnahme erst möglich...

Ryan Phillippe stieg steil auf, indem er in jungen Jahren obercoole Machos (Eiskalte Engel) und stolze Helden (Flags Of Our Fathers) verkörperte.
Hier zeigt er endlich, dass er auch anders kann.
Wenn nötig sogar schwach und unsicher.
Das Niveau von Chris Cooper erreicht er jedoch nicht ganz.
Denn der Syriana-Star erschafft einen Verbrecher, der Gutes tut und zugleich einen Patrioten, der sein Land verrät.
Er ist derjenige, der den Zuschauer in die Klemme bringt; der ihm nicht erlaubt, Hanssen zu hassen, sondern dazu bringt ihn sowohl zu respektieren als auch zu verabscheuen.
Der Film wäre ohne seine sehr gewollt wirkenden Spannungsparabeln sicher besser davongekommen.
Oft wirkt er wie aus dem Leben herausgeschnitten, unfassbar echt und täuschend greifbar.
Doch dann kommen wieder die Momente, unter denen Hollywood-Produktionen so oft leiden.
Da hört man Dialoge, die Schmonzetten entstammen könnten und sieht Szenen, die zu viel Fantasie und Verstellung voraussetzen, als dass sie sich hätten in Wirklichkeit zugetragen haben können.
Dennoch hat der kammerspielähnliche Thriller mehr Wahres als Erfundenes an sich.

Dank des super Ensembles gelang dem Regisseur Billy Ray ein fesselnder und glaubhafter Streifen über einen, der hätte die Welt besser machen können, aber nun lebenslang in Haft bleiben wird.

info: 2007, USA, Billy Ray, Polit-Thriller
darsteller: Chris Cooper, Ryan Phillipe, Laura Linney ua.
under the influence: Syriana, Der gute Hirte, Die Unbestechlichen

8.5/10 >> Natalya Nepomnyashcha

28.10.07 17:00


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